Eine Liedzeile aus Medingen

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Äbtissin Monika von Kleist zeigt die Kopien der Medinger Handschriften aus der vorreformatorischen Zeit.

Bad Bevensen-Medingen – Von Ute Bautsch-Ludolfs. „Gelobet seist du Jesu Christ“ – aus abertausenden Kehlen erklingt dieser Choral traditionell am heutigen Heiligabend und den folgenden Weihnachtstagen in katholischen und evangelischen Kirchen. Es ist das Graduallied, also das Hauptlied der heutigen Christvespern. Das Lied zieht eine Verbindung nach Medingen, denn dort im Kloster hat es seine Wurzeln, um 1460 herum.

„Das erfüllt uns mit Stolz“, sagt Äbtissin Monika von Kleist. „Nonnen dieses Klosters haben im Spätmittelalter die Entwicklung einer vorreformatorischen volkssprachlichen Frömmigkeit gefördert. In einem ungewöhnlich gut überlieferten Kodex von mehr als 40 Handschriften sind ihre Gebete, Meditationen und Lieder erhalten.“

Neben der ersten Textstrophe und der Melodie des Weihnachtslieder „Gelobet seist du Jesu Christ“ findet sich auch die erste Strophe des Osterliedes „Wir wollen alle fröhlich sein“ und die erste Strophe eines Abendmahlliedes im Evangelischen Gesangbuch.

Wolfgang Brandis, Klosterarchivar der Klosterkammer Hannover, bestätigt, dass das Lied aus Medingen stammt, sich im „Andachtsbuch, zwischen 1467 und 1478, Herzog-August Blibliothek Wolfenbüttel und im Andachtsbuch, um 1480, Forschungsbibliothek Gotha“, findet.

Das Lied ist formal eine so genannte „Leise“, es endet mit dem (Not)-Ruf „Kyrieleis“. Literarisch und liturgisch leitet sich der Gesang aus der vorreformatorischen Zeit von der lateinischen Weihnachtssequenz „Grates nunc omnes“ her, die in der Mitternachtsmesse an Weihnachten gesungen wurde und aus dem 11. Jahrhundert stammt. Hier in Medingen entwickelte sich der Brauch, diese Sequenz responsorisch mit einer deutschen Strophe zu verbinden: „Lovet sistu Ihesu Crist“.

„Gelobet seist du Jesu Christ“ gehört nicht unbedingt zu den populären Weihnachtsliedern, möglicherweise weil es theologisch und musikalisch anspruchsvoll, in mixolydischer Kirchentonart steht. Die erste Strophe wendet sich in direkter Rede lobpreisend an Jesus Christus. Er allein steht in der Mitte, er wird besungen und angebetet, nicht Menschen oder Mächtige. Nur ihm gehört das Lob. Luther verdeutscht das Lied – wobei das Chorgesangbuch von Johann Walter (1496-1570) als Quelle angegeben wird – und orientiert sich in seinen sechs weiteren Strophen am Johannes-Prolog und nicht an der erzählfreudigen Lukas-Weihnachtsgeschichte. Formal ist auffällig, dass in einer symmetrischen Anlage jeweils zwei Strophen korrespondieren, von außen nach innen gezählt, mit den Schlüsselwörtern „freuet“, „armes“, „Welt“, „Licht“, „Mitten“, „Licht“, „Welt“, „arm“ und „freu“.

Der Mensch bleibt in diesem Lied nicht außen vor: „Das hat er alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an“ – er hat es uns getan.

Gottes Liebe zu den Menschen ist so groß, dass er niemanden übersieht und übergeht, nicht den Gesunden, den Starken, die Kranken, die Verzweifelten, Verlassenen, Vereinsamten, Enttäuschten, Verbitterten. Keiner ist vergessen: „Des freu‘ sich alle Christenheit und dank ihm des in Ewigkeit. Kyrieleis“.

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