Tobi Katze spricht mit viel Galgenhumor über das Tabuthema Depression

„Eine Krankheit für die ganze Familie“

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Kein Auge blieb im Publikum bei Tobi Katzes Auftritt trocken. Dabei sprach er über das ernste Thema Depression, das noch immer ein gesellschaftliches Tabuthema ist. 

Uelzen – „Wie geht’s Ihnen? Gut, ja? Nun, mir nicht“, begrüßt Tobi Katze am Mittwochabend das Publikum in Uelzens Neuem Schauspielhaus – und schiebt zugleich hinterher: „Ich hab’ ein sogenanntes psychisches Problem.“ Also jede Menge „Arschloch-Gefühle“, die ausgedrückt werden wollen.

Depressionen – der, so benennt sie Tobi Katze augenzwinkernd, „Trostpreis der Behinderung, wenn es für etwas Handfestes nicht gereicht hat“ – ist eine psychische Erkrankung, die so viele Menschen betrifft und über die viel zu selten geredet wird. Das Interesse an der kostenlosen Veranstaltung des Paritätischen war so groß, dass selbst zusätzliche Sitzplätze im Theater-Foyer an diesem Abend nicht ausreichten.

Der Buchautor schildert in „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ eigene Erfahrungen, die er während seiner Erkrankung gemacht hat – wenn auch in abgewandelter oder überspitzter Form. Warum er ausgerechnet über Depressionen spricht, wird Tobi Katze gefragt. Seine Antwort ist bezeichnend für das Problem, dass noch immer mit der Thematik einhergeht: „Weil’s sonst keiner macht.“

In seiner „Leseshow“ macht Tobi Katze auf Depressionen aufmerksam und zeigt Betroffenen, dass man trotz innerlicher Leere seine Erkrankung auch mal mit Humor betrachten kann: „Für diese Show gilt dasselbe wie mit Sex mit mir: Es darf gelacht werden.“

So besticht das Programm durch allerhand mehr oder weniger ernst gemeinte Ratschläge wie „Wer sich mit dem Gedanken trägt, zum Arzt zu gehen – tun Sie’s nicht“ und an reale Erfahrungen angelehnte Schilderungen von Momenten, in denen sich viele der Anwesenden wiedererkennen: etwa, wenn man sich vor der eigenen Familie „outet“ und die zwischen Verständnislosigkeit à la „Ich bin auch manchmal traurig, aber ich lass das nicht so an mich ran“ bis zu einer Orgie an Erklärungsversuchen reicht („Der Junge ist traurig, weil er nicht weiß, was er nach seinem Studium machen soll. Das ging mir damals auch mal so“ oder „Junge, wenn du Geld brauchst, sag’s doch einfach“). Depressionen seien eben eine Krankheit für die ganze Familie: Einer hat sie, der Rest kann nicht damit umgehen.

So erheiternd das alles klingt, so ernsthaft schildert Tobi Katze auch sein Innenleben in einer Phase, in der bei ihm nichts mehr ging und selbst das morgendliche Aufstehen oder der Gang in die Küche als unüberwindbare Hindernisse empfunden wurden. „Mein Herz prügelt mein Hirn. Ich bin nicht traurig, ich bin leer.“ Er erzählt von seinem größten Wunsch, einfach so wie alle anderen zu sein („Nicht auffallen, normal sein. Aber in mir drinnen, da ist Chaos“), doch: „Ich bin das einzige iPhone in einer Welt voll Android-Telefone. Anschlüsse, die bei allen anderen helfen, passen bei mir nicht.“

Mit viel Geduld und Unterstützung seiner Familie lebt Tobi Katze heute symptomfrei. „Ich hab’ mich in den Erzählungen sehr widergefunden“, sagt eine Zuhörerin, die selbst in psychotherapeutischer Behandlung ist – wie auch andere im Publikum. Und so wurde der Abend auch zum Austausch und Vernetzen genutzt. Jeanette Kötke vom Paritätischen wies noch mal auf die Selbsthilfegruppe hin, die jeden dritten Mittwoch im Monat um 18.30 Uhr in der Veerßer Straße 92 zusammenkommt. Außerdem gibt es beim sozialpsychiatrischen Dienst eine Gruppe für Angehörige, die sich jeden dritten Montag um 18.30 Uhr trifft.

VON SANDRA HACKENBERG

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