Spanierinnen beginnen Arbeit in Seniorenresidenz / Wut über Situation in der Heimat

Eine Chance in Uelzen

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Elena Cervantes Saura und Marta Gonzales Acedo mit ihren deutschen Paten Sofia Mesiaka und Benjamin Schulze (von links). Die beiden Deutschen wollen ihren spanischen Kolleginnen in den kommenden Wochen die Stadt Uelzen vorstellen.

Uelzen. Es ist kalt in Deutschland. Das ist der erste Eindruck, den Marta Gonzalez Acedo hat. „Muy frio!“ sagt sie über die ersten Stunden, die sie hier verbracht hat.

Marta (31) ist zusammen mit Elena Cervantes Saura (22) neue Mitarbeiterin in der Altenpflege im Alten- und Pflegeheim an der Rosenmauer. Beide kommen aus Spanien.

Eine „Win-win-Situation“ nennt das Uelzens Bürgermeister Otto Lukat, der die beiden jungen Frauen bei einem kleinen Sektempfang begrüßt hat. Alle hätten etwas davon, denn: In Spanien herrscht eine extreme Jugendarbeitslosigkeit – in Deutschland hingegen herrscht Fachkräftemangel in der Pflege. „Aufgrund des demografischen Wandels gilt das auch immer mehr“, sagt die Leiterin der Seniorenresidenz, Meike Jürs: Noch mehr alte Menschen brauchen noch mehr Fachkräfte der Pflege, und das bei immer weniger jungen Menschen.

Aus der Seniorenresidenz kam dann auch die Idee, beide Missstände zu verbinden – und somit Lücken zu schließen. Es sei auch ein Ansinnen der Metropolregion Hamburg, sagte Lukat, „sich als gemeinsames Europa darum zu kümmern, dass alle jungen Menschen eine Chance bekommen.“ Man solle nicht nur vor der eigenen Haustür die Arbeitslosigkeit bekämpfen.

Das Unternehmen, das mit dem Austausch beauftragt wurde, ist die Lörracher „Arbeits Vermittlung International“, AVI. Mitinhaberin Klara Frenzel erklärt, dass die bereits fertig ausgebildeten Spanierinnen etwa drei bis sechs Monate brauchen werden, bis sie eine B2-Sprachqualifizierung haben und ihre Ausbildung damit in Deutschland anerkannt werde. B2 ist ein internationaler Standard, der die natürliche Verwendung der Sprache im Alltag vorsieht. Bis dahin gelten sie, wie Jürs erklärt, als sozialversicherungspflichtige Praktikantinnen. Danach würden sie einen gleichen Vertrag bekommen wie die anderen Angestellten auch.

Noch hapert es mit der Sprache. Elena kann etwas Deutsch, Marta kann Englisch. Damit sie nahtlos integriert werden, stehen ihnen Benjamin Schulze und Sofia Mesiaka (beide 24) zur Seite. Sie sind Mitarbeiter in der Seniorenresidenz und Paten für die beiden Spanierinnen. Noch wird die Verständigung zum Teil mit Händen und Füßen laufen. „Allgemeine Wörter und Ausdrücke bekommen wir sicher bald hin“, sagt Schulze, der vollkommene Gelassenheit verströmt. „Je nach Dienstplan werden wir uns Zeit nehmen, ihnen die schönen Ecken der Stadt zu zeigen.“ Die beiden sollen auch erste private Kontakte sein, damit Elena und Marta „ankommen“. Der erste Gang, das zeigen die Erfahrungen der AVI, führt ins Internet-Café. Als zweite Besorgung käme dann meist eine deutsche Telefonanbindung.

Cervantes Saura und Gonzalez Acedo sind gerade gestern erst angekommen, schon am ersten Tag werden sie bestürmt mit der Presse und dem Bürgermeister, der sie mit einem „Wie sagt man: Bienvenidos?“ begrüßt, und dem sie bald darauf „Salut!“ beibringen, als er mit ihnen das Sektglas hebt. Für die beiden Spanierinnen hat Lukat ein Buch mitgebracht, in dem sie ihre neue Heimat Uelzen kennenlernen sollen.

In der Heimat, sagen sie, denke man gern, dass die Deutschen so seien wie ihr Wetter: kühl und finster. Aber sie fühlen sich wohl und heimisch. „Wir haben nicht erwartet, mit solcher Offenheit und Freundlichkeit empfangen zu werden“, sagen sie. Nach einem ersten Blick auf die Stadt Uelzen schwärmt sie von den Bauten der Stadt, die ihr gefallen. Ihre Familie, sagt sie, werde sie vermissen, den Anblick ihres Dorfes nicht.

Zu der Arbeitslosigkeit in Spanien sagt Cervantes Saura: „Wir empfinden es noch schlimmer, als es in den Medien dargestellt wird.“ Die jungen Menschen studieren, was angeboten wird, und nehmen beispielsweise Deutschkurse, in der Hoffnung, im Ausland Arbeit finden zu können. Die Arbeitslosigkeit sei sehr gravierend, sie kenne keinen Haushalt, in dem alle arbeiten würden.

Es gefällt den beiden Frauen nicht, wenn sie darüber reden sollen: „Wir empfinden Scham, Schmerz und Wut“, sagt Gonzalez Acedo. „Das Traurige ist, dass wir den natürlichen Stolz für unser Land beschmutzt sehen durch korrupte Politiker“. Gerade die junge Generation würde diese Wut auf die Politik spüren. So würde sich der Staat nicht um die Jugend kümmern. „In Spanien gab es noch nie eine so gut ausgebildete Jugend. Und es ist eine Schande, dass Politiker das Land so ausbluten lassen“, meint Gonzalez Acedo. Umso glücklicher seien sie beide über ihre Chance in Deutschland.

Von Kai Hasse

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