Annette Schneider von der GEW kritisiert Lehrerentlassungen zu Beginn der Sommerferien

Eine „blindfischige“ Praxis

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Trotz akuten Lehrermangels werden in Niedersachsen viele Lehrkräfte mit befristeten Verträgen zu Beginn der Sommerferien entlassen.

Uelzen/Landkreis. Besonders für Schüler sind die Sommerferien oft die schönste Zeit im Jahr. Entspannung pur! Für viele Lehrer in Niedersachsen bedeutet sie jedoch eine Zeit der Ungewissheit.

Denn zahlreiche Lehrkräfte mit befristetem Arbeitsverhältnis werden während der Ferien in die Arbeitslosigkeit entlassen. Die Länder sparen dadurch Millionen ein. Für Annette Schneider, Vorsitzende des Uelzener Kreisverbandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Schulleiterin der Grundschule Wrestedt, ein nicht tragbarer Zustand: „Das Land wälzt dadurch Kosten auf die Gemeinschaft ab und bürdet den Schulleitungen noch mehr unnötige Arbeit auf. “.

Die Praxis sei zudem nicht nur „unwürdig“ den vielen Lehrern gegenüber, die dann mit existentiellen Sorgen zu kämpfen hätten, sondern entbehre – vor dem Hintergrund des eklatanten Lehrermangels in Niedersachsen – auch jeder Logik. Denn viele der entlassenen Lehrkräfte würden nach den Sommerferien wieder eingestellt. „Das zeigt: der Bedarf ist dauerhaft, das Vorgehen ist einfach blindfischig“, kritisiert Schneider.

Schon jetzt hätten viele Schulen in Niedersachsen mit Personalmangel zu kämpfen. „Wenn ihre Zukunft dann noch unsicher ist, überlegen sich viele der Kollegen, in andere Bundesländer oder Regionen abzuwandern“, erklärt die Schulleiterin. Zwar gelte der Landkreis Uelzen ihres Wissens nach momentan als relativ gut versorgt. Aufgrund von zum Beispiel Schwangerschaften könne sich der Versorgungsstand aber immer schlagartig ändern.

Besonders seien Grundschulen vom Personalmangel gebeutelt. „Der Markt ist leer“, sagt Schneider. In Niedersachsen ist es deshalb seit Jahren ebenfalls gängige Praxis, den Personalmangel an manchen Schulen durch sogenannte Abordnungen auszugleichen. Stand heute müssen auch 2018 wieder viele Lehrkräfte damit rechnen, im kommenden Schuljahr zeitweise in anderen Schulen eingesetzt zu werden. Das gehe sogar soweit, dass bei Lehrern aus dem Landkreis Uelzen angefragt wird, ob sie etwa in den Nachbarkreisen Gifhorn oder Celle aushelfen können, informiert Schneider. „In Einzelfällen wurden sogar dauerhafte Verschiebungen des Arbeistortes vorgeschlagen“, weiß sie zu berichten.

Um der Situation endlich Herr zu werden, fordert die GEW, insbesondere den Beruf des Grundschullehrers attraktiver zu machen. An erster Stelle steht hier die Bezahlung. Schneider: „Die Ausbildung ist im Rahmen des Bologna-Prozesses schon lange angeglichen worden, das muss sich auch in der Entlohnungspraxis niederschlagen.“

Einige Bundesländer würden Grundschul- und andere Lehrer bereits gleich bezahlen. Niedersachsen müsse nachziehen. „Sonst entscheiden sich junge Lehrer natürlich oft für ein anderes Bundesland“, ist sich Schneider sicher.

Zudem müsse die Zahl der Unterrichtstunden reduziert werden – schon allein, um die Unterrichtsqualität zu halten. „Es sind so viele Aufgaben, wie etwa die Inklusion, dazugekommen“, erläuert sie, daher müsse an anderer Stelle für Entlastung gesorgt werden. Das könnte sich positiv auf die prekäre Personalsituation auswirken. Denn: „Viele Kollegen entscheiden sich bewusst für Teilzeit, weil sie sonst das Gefühl haben, ihre Arbeit nicht mehr gut machen zu können.“

Von Steffen Schmidt

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