Mediziner sah sich im Widerspruch zwischen Unversehrtheit und Therapieziel

Eigene Methadon-Philosophie

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Lüneburg/Uelzen. „Mein Auftrag war es, die Patienten aufzubauen“, erklärt der Arzt, dem die Staatsanwaltschaft strafbaren Umgang bei der Methadon-Behandlung seiner Abhängigen vorwirft.

Nachdem sich Malte F. auf die Zusage der Kammer, bei einem umfassenden Geständnis eine Bewährungsstrafe zu erhalten, einlässt, erzählt er seine Geschichte „von Anfang an. “.

Die Vorsitzende der 4. Großen Hilfsstrafkammer, Karin Mack, möchte wissen, wann er die Approbation und die kassenärztliche Zulassung erlangte und wann er in die Praxis des Vaters übernommen – und wann genau er die ersten Patienten zur Substitutions-Behandlung übernommen hatte.

Schon während seines Studiums habe sich der angeklagte Arzt mit Suchttherapie beschäftigt und sich auf eine berufliche Tätigkeit in der Forschung – Langzeitprojekt mit Alkoholkranken – eingestellt, bevor der Bereich der Forschung unter harten Einschnitten zu leiden hatte. So beschreibt Malte F. detailreich zunächst den berufspolitischen Kontext, der die Bedingungen prägte, in denen er seinen ersten abhängigen Patienten begegnete.

Sorgfältig fragt die Vorsitzende darüber hinaus die Praxisorganisation und die individuelle Behandlung der Patienten ab. Nachdem F. in den 17 Monaten des ersten Instanzenzuges geschwiegen hatte, nutzt er nun mit seinem Geständnis die Gelegenheit, der Kammer alle für die rechtliche Bewertung verwertbaren Tatsachen ausführlich vorzutragen.

„Ein ausdrückliches Schuldeingeständnis“, so sein Verteidiger, Rechtsanwalt Eike Waechter, „wird ihm im Rahmen eines ausführlichen Geständnisses nicht abverlangt.“

Doch die Motive, die ihn zu dem Handeln veranlasst hatten, „die subjektive Seite“, möchte die Kammer vom Angeklagten dargelegt haben. Im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben, beschreibt F., habe er eine eigene Philosophie zur Methadon-Therapie entwickelt. Ständig fühlte er sich in dem Widerspruch, den verfassungsrechtlich gesicherten Therapiezielen – die mit den gesetzgeberischen Grundlagen bei der Etablierung einer Methadon-Behandlung für Abhängige gelegt worden waren – gerecht zu werden, wenn er die Richtlinien buchstabengetreu erfüllen sollte. „Ich hätte das Therapieziel, dem ich mich als Arzt verpflichtet fühle, aufgeben müssen – aber auch die körperliche Unversehrtheit meines Patienten.“

Es ging darum, die Abhängigen zunächst zu stabilisieren, damit sie sich in ihrem persönlichen Umfeld wieder zurechtfinden und sie die Alltagskompetenzen wieder erlangen.

„Wenn ein Patient vor einer beruflichen Prüfung stand und gerade in dem Moment aus der Substitution rausgeflogen wäre, hätte das Therapieziel nicht mehr erreicht werden können“, beginnt F. Einzelfälle zu beschreiben. „Das Therapieziel ist jedoch die Rechtfertigung für die Gabe dieser eigentlich verbotenen Wirkstoffe.“

Die Staatsanwaltschaft hinterfragt, wie der Arzt mit den Anforderungen durch die Begriffe „Verabreichung“, „Verschreibung“ umging und inwieweit diese „ärztlichen Maßnahmen unmittelbar“ erfolgten. Die Einzelfälle der Vorwürfe werden in den nächsten Prozesstagen zum Thema des Geständnisses werden. Die Kammer hatte vorsorglich den Prozess bis in das nächste Jahr hinein terminiert.

Von Angelika Jansen

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