Der Angeklagte sieht sich selbst als Schlichter

„Digger, hast du Angst vor denen?“ – Prozess um Prügelei an der Gudesstraße

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Keine leichte Aufgabe im Gericht, den Ablauf einer Prügelei in der Kneipenszene Gudesstraße aufzuarbeiten.

saha Uelzen. Mit 20 Minuten Verspätung – Richterin Claudia Hagemann hatte gerade die Polizei verständigt – schlendert der Angeklagte in den Verhandlungssaal des Amtsgerichts Uelzen, über der Schulter trägt er lässig einen Pulli.

„Ich verstehe gar nicht, warum ich hier sitze“, meckert H. los. „Ich hab’ einfach nur versucht, zu schlichten.“

Angeklagt ist der 23-Jährige jedoch, weil er bei einer Schlägerei an der Uelzener Gudesstraße einem Mann die Beine weg- und dann auf ihn eingetreten haben soll. Das leugnet H.. Vielmehr habe er einem Mann das Pfefferspray abgenommen, damit nicht noch mehr passiert und ihn unter Einsatz seines Lebens aus einer Menschentraube gezogen: „Ich hab’ mich vor ihn geschmissen und selbst fast noch was abbekommen.“

Bei Gericht ist H. allerdings kein Unbekannter, und Claudia Hagemann verhandelt nicht das erste Mal gegen ihn. Als sie ihn darum bittet, aufzuzeichnen, wo die einzelnen Personen in besagter Nacht gestanden haben, weigert er sich und motzt: „Ich hab’ das letzte Mal was aufgemalt, da haben Sie mich runtergemacht. Sie hatten kein Wort von mir verstanden.“ Auch die Zeugenliste passt dem Angeklagten nicht: „Kann doch nicht sein, dass hier nur Freunde von dem eingeladen sind.“

Er möchte weitere Beweisanträge stellen, denn weil sein Verteidiger kurzfristig entschieden hat, H. nicht zu vertreten, verteidigt sich der Angeklagte nun selbst. Auch das passt ihm nicht: „Ich versteh’ nicht, warum mein Anwalt nicht da ist. Der hat sie nicht mehr alle.“

Nachdem H. seine Sicht der Dinge erläutert hat, ist das Opfer an der Reihe. Der Angeklagte habe irgendwo mit in der Menschentraube gestanden, als auf ihn eingeprügelt worden ist. Aber an so richtig viel will sich der 28-Jährige nicht mehr erinnern – zum Missfallen des Angeklagten. „Digger, hast du Angst vor denen?“, unterbricht H. ihn während seiner Aussage.

Aber auch der Richterin kommt die plötzliche Amnesie des Opfers spanisch vor. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Vor zwei Monaten haben Sie noch konkrete Angaben gemacht.“

Insgesamt werden am ersten Verhandlungstag 13 Zeugen angehört, um zu klären, welche Rolle der Angeklagte bei der Schlägerei tatsächlich gespielt hat. Das Urteil soll am nächsten Verhandlungstag gesprochen werden. Doch H. hat seines bereits gefällt. „Ich hab’ das Gefühl, Sie haben schon ein Urteil über mich“, sagt er zu Claudia Hagemann.

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