Uelzener Physiotherapeut schlägt Alarm: Aktuelles Gerichtsurteil belastet Praxen und Patienten

„Diese Bürokratie frisst uns auf“

Reinhard Schülke ist sauer: Die gesetzlichen Anforderungen für die Kontrolle von Heilmittelverordnungen werden immer höher, kritisiert der Leiter eines Uelzener Therapiezentrums. Foto: Wendlandt

Uelzen. Eigentlich ist Reinhard Schülke ein gelassener Mensch. Doch wenn der Uelzener Physiotherapeut über das Thema Heilmittelverordnungen spricht, kann er sein Unverständnis und seinen Ärger nicht verbergen. „Diese zunehmende Bürokratie frisst uns auf.

Wir haben bald keine Zeit mehr für die Patienten“, schimpft Schülke, der ein Therapiezentrum an der Celler Straße leitet.

Der Grund für Schülkes Zorn ist ein Urteil des Bundessozialgerichts in Kassel. Das hat jetzt entschieden, dass so genannte Heilmittel-Erbringer, zum Beispiel Physiotherapeuten, verpflichtet sind, ärztliche Verordnungen zu überprüfen. Damit bestätigte das Gericht sein früheres Urteil aus dem Jahr 2009.

Welche Folgen das für Physiotherapeuten hat, verdeutlicht Schülke: Legen ihm Patienten eine fehlerhaft oder unvollständig ausgefüllte Heilmittelverordnung vor, muss er dieses Formular an den jeweiligen Arzt zurückschicken – verbunden mit der Bitte, es korrekt auszustellen. Und die Fehlermöglichkeiten sind vielfältig: „Manchmal fehlt einfach nur ein Kreuzchen im Feld Erstverordnung“, erzählt Schülke. „Aber trotzdem dürfen wir den Patienten dann nicht behandeln, sondern müssen beim Arzt eine korrekte Verordnung anfordern.“ Denn ansonsten bekäme Schülke von den Krankenkassen keinen Cent für seine Behandlung.

In einem Fall musste der Therapeut eine fehlerhafte Heilmittelverordnung ganze sieben Mal an ein Krankenhaus schicken – jedes Mal kam sie falsch ausgefüllt zurück. Das koste Nerven und der Schriftverkehr mit Ärzten und Kassen verschlinge Arbeitszeit, ärgert sich Schülke.

Und der Bürokratie-Schimmel wiehert noch lauter: Einmal hat seine Mitarbeiterin ein winziges „Gänsefüßchen“ auf dem Formular vergessen. Prompt verweigerte die Krankenkasse die Zahlung. Ein anderes Mal ergänzte die Sprechstundenhilfe eines Arztes die Verordnung handschriftlich. Auch in diesem Fall erhielt Schülke kein Honorar von der Krankenkasse. Die Begründung: Jede noch so kleine Änderung auf dem Dokument muss mit der Unterschrift und dem Praxis-Stempel des Arztes beurkundet werden. So fordert es das Gesetz.

„Mindestens 30 Prozent der Heilmittelverordnungen, die ich bekomme, sind falsch ausgefüllt“, berichtet Schülke. „Die Anforderungen werden ständig verschärft, so dass wir mit Bürokratie und Kontrollen ausgelastet sind. Ich habe den Eindruck, die Krankenkassen sparen, indem sie die Patienten daran hindern, die Behandlung zu bekommen.“

Carsten Sievers, Pressesprecher der AOK Niedersachsen, sieht das ganz anders. „Wir sind als Krankenkasse gehalten, auf die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben, beispielsweise die maximale Verordnungsmenge, zu achten und Verordnungen entsprechend zu prüfen“, erklärt er. Die AOK kontrolliere das entsprechend, „wie auch jeder Arzt oder Therapeut seine Handwerkerrechnung prüfen würde. Unsere Wettbewerber werden Gleiches tun, alles andere wäre fahrlässig“, betont Sievers. Seiner Ansicht nach hat die letzte Änderung der Heilmittelrichtlinie aber „kaum zu einem erhöhten Aufwand auf Seiten der Verordner geführt“.

Das kann Holger Schmidt, Sprecher der niedergelassenen Ärzte in Stadt und Kreis Uelzen, jedoch nicht bestätigen. „Die Formulare werden immer komplizierter“, sagt er. So müssten die Arztpraxen für jedes Heilmittel eine gesonderte Verordnung ausfüllen. Je nach Erkrankung des Patienten seien ganz unterschiedliche Angaben notwendig. „Aus unserer Sicht ist es eine absolute Katastrophe, diese Formulare richtig auszufüllen“, kritisiert der Uelzener Allgemeinmediziner den aus seiner Sicht zu hohen bürokratischen und zeitlichen Aufwand.

Als Folge der verschärften gesetzlichen Anforderungen würden in den Arztpraxen mitunter Fehler beim Ausfüllen der Formulare gemacht, räumt Schmidt ein. Er glaubt, dass die zunehmenden Hürden bei den Heilmitteln vor allem ein Ziel haben: „Die Krankenkassen wollen damit ihre Kosten senken.“

Von Bernd Schossadowski

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