Einmal quer über den gut besuchten Uelzener Weinmarkt: Der atmosphärische Test ist bestanden

„Die Stimmung fühlt sich wunderbar an“

Keine fanatischen Fußballfans: Annette Mittermeier und Norbert Mandel.

Uelzen. „Es gehört nicht immer ein Scheffel Salz zu dem Bündnisse, das man Freundschaft nennt“, schrieb im Jahr 1759 der damals 29-jährige Schriftsteller Johann Georg Hamann an Immanuel Kant, der sein Freund war. Nein, kein Scheffel Salz.

Aber Wein bestimmt! Auch wenn der Philosoph des kategorischen Imperativ aus Königsberg als Asket in die Geschichte einging.

,Freunde und Bekannte’‘ kann auch als das Hauptstichwort für den Weinmarkt Uelzen gelten, denn auf die Frage, was ihnen an dieser Veranstaltung besonders gefiele, kam von allen Befragten die Antwort: Dass man hier – auch unverabredet – Freunde und Bekannte trifft.

„Ein gutes, geselliges Ding“ nannte William Shakespeare den Wein. Und genauso ist die Atmosphäre, flaniert man einmal auf der Meile hin und zurück. „Es wird wahrscheinlich das beste Jahr seit zehn Jahren“, ist sich der Inhaber der Ratsweinhandlung, Ingo Schulte, sicher. „Der Fußball hat uns in keiner Weise geschadet und das Publikum ist sehr angenehm und entspannt“, geht Schultes Lob weiter. Seine zwei Aushilfsmädchen, Frederike Räthke und Josephine Berger, strahlen freundlich und wirken kein bisschen gestresst. Der Gymnasiastin und der Auszubildenden macht dieser Nebenjob Spaß. Und wie ist es mit dem Rechnen bei der Bestellung? „Alles kein Problem!“, winken sie lachend ab.

Im Zelt vom Weinhaus Schramm hört man süddeutsche Phonetik – also nachgefragt: Sind es etwa Touristen aus Bayern, die lieber Wein trinken statt Bier? Nein, Helga Döhle kommt zwar aus Franken (man beachte den feinen Unterschied!), wurde im Jahr 2001 aber von Karsten nach Uelzen geheiratet. Zur Runde, die sich als Stammgäste im „Mutterhaus“ an der Rosenmauer zu erkennen geben, gehören Elisabeth Kamphoff, Wilfried Kindlein und Arnold Peterssohn. Letzter stellt sich als „ein alter Schwede“ (seit 1993 in Uelzen) vor und auf die Frage, was sie denn allabendlich besprächen beim Glas Wein, antwortet er schelmisch: „Wir lösen die Weltprobleme!“ Ja, wenn es so einfach wäre: Alle Politiker an ein Weinfass!

Inzwischen hat die Band „SouLeise“ aus Lüneburg ihr Programm begonnen. Die Musiker sind sogar so freundlich und erkundigen sich bei ihrem Publikum, ob ihre Musik zu laut sei. Berechtigte Anfrage, schließlich will man sich unterhalten. Es ist gepflegter Soul, den die Gäste zu Gehör bringen, mal einschmeichelnd sanft, mal jazzig brachialer.

Annette Mittermeier und Norbert Mandel aus Holxen sitzen daneben. Allein an einem Tisch, was seltener vorkommt; aber dass sie ein Paar sind, sieht man. „Die Stimmung fühlt sich wunderbar an“, sagen beide übereinstimmend. Sie haben sich auch zu zweit noch viel zu erzählen, wenn die Musik eine Pause macht. Und: „Man muss sich gar nicht verabreden“, man träfe die Leute ja auch zufällig. „Manche, die man sonst das ganze Jahr nicht sieht“, hatte es auch die Weinhaus-Schramm-Runde angemerkt. Interessiert sich Norbert Mandel nicht für Fußball? „Interessiert schon“, antwortet der so Befragte. Aber die Kenntnis vom Ergebnis reiche ihm und außerdem spiele er lieber selber. „Wir haben bis jetzt noch kein Spiel ganz gesehen“, versichern die Zwei.

Es sieht also ganz und gar nicht danach aus, als wollten die Uelzener dem Spötter Karl Kraus zustimmen, der bissig anmerkte: „Die Welt ist ein Gefängnis, in dem Einzelhaft vorzuziehen ist.“ Der Weinmarkt ist geselliger Mittelpunkt, auf dem es überraschend leise zugeht. „Entspannt und angenehm“, nannte es Ingo Schulte.

In der hintersten Ecke stehen Agnieszka Jaszczak und Jörg Denekas. Die polnische Dozentin der Landschaftsarchitektur hat ihren Kurzurlaub in die Zeit des Weinmarktes gelegt, obwohl sie den Weinmarkt bereits fast so lange wie ihren Jörg kennt. Sieben Jahre. Seit dessen Studium an der Universität Olsztyn nämlich. Das deutsch-polnische Paar schätzt am Weinmarkt auch die vielen Begegnungen, die Kontakte, die Verabredungen. „Weh dem, der alleine ist; wenn er fällt, so ist kein anderer da, der ihm aufhelfe.“ (Prediger Salomon 4,10). Falls es wirklich einmal nach einem Weinmarktbesuch so weit kommen sollte – für den (hin)gefallenen Gast fände sich wohl immer einer, der ihm aufhülfe. Man bedenke aber trotzdem, „dass reichlich genossener Wein kein Geheimnis bewahrt“ (Cervantes).

In diesem Sinne: Es möge nutzen – Prosit!

Von Barbara Kaiser

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