„Die Nachteile der IGS“

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Deutliche Kritik an Integrierten Gesamtschulen übt Hans-Joachim Lepel, Leiter des Uelzener Lessing-Gymnasium (LeG): Schüler, die aus Schulen mit längerem gemeinsamem Lernen kommen, hätten trotz sehr guter Zeugnisse oft Probleme, an Gymnasien den Anschluss zu finden, erklärt er.

bs Uelzen/Landkreis. Die künftige Schulentwicklung im Landkreis wird eines der wichtigsten Themen in der politischen Diskusion der nächsten Monate sein. Die AZ wird die einzelnen Debatten intensiv verfolgen. Die Redaktion lädt ab heute alle Beteiligten und Betroffenen dazu ein, mit Vorschlägen und Betrachtungen Stellung zu beziehen. Den Anfang macht heute Hans-Joachim Lepel, Schulleiter des Uelzener Lessing-Gymnasiums (LeG):

„Bislang sind die Eltern in den Werbeveranstaltungen für die Integrierte Gesamtschule (IGS) nur einseitig informiert worden. Es gibt jedoch mehrere wissenschaftliche Untersuchungen, die der IGS und dem längeren gemeinsamen Lernen erhebliche Defizite bescheinigen.

Zehn Jahre lang (1991-2001) haben die Professoren Baumert und Köller vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, das auch die PISA-Untersuchungen begleitet, die Schulleistungen in Nordrhein-Westfalen untersucht und sind zu den folgenden alarmierenden Ergebnissen gekommen: Leistungsschwächere Schüler werden in Gesamtschulen nicht besser gefördert als in Hauptschulen. Das Selbstwertgefühl leistungsschwächerer Gesamtschüler hingegen sinkt bis zum Ende des 10. Jahrgangs unter das von vergleichbaren Hauptschülern.

Realschüler hatten gegenüber vergleichbaren Gesamtschülern am Anfang des 7. Jahrgangs in Mathematik und Englisch einen Leistungsvorsprung von etwa einem Schuljahr. Am Ende des 10. Jahrgangs lag der Vorsprung gegenüber den Gesamtschülern schon bei „etwa zwei Schuljahren“. Gymnasiasten hatten am Ende des 10. Jahrgangs in Mathematik und Englisch gegenüber vergleichbaren Gesamtschülern „einen Leistungsvorsprung von mehr als zwei Schuljahren“. Diese Ergebnisse sieht Prof. Köller auch 2008 bestätigt. Auch die PISA-Untersuchungen 2003 stellten in allen Kompetenzbereichen fest, dass die IGS deutlich schlechter abschneidet als die Realschule.

Schüler, die aus Schulen mit längerem gemeinsamem Lernen (sechsjährige Grundschule und IGS) kommen, haben trotz sehr guter Zeugnisse immer wieder Probleme, zum Beispiel an den Gymnasien den Anschluss zu finden. Was könnte dann noch für eine IGS sprechen? Könnte die IGS wenigstens benachteiligte Schüler besser fördern?

Doch auch hier ist das Ergebnis entmutigend: Prof. Fend, ein Verfechter der IGS, untersuchte die Lebensläufe von Schülern in Hessen vom 12. bis zum 35. Lebensjahr. In einem Artikel in der „Zeit“ 2008 stellt Fend ernüchtert fest: ,Selten hat mich das Ergebnis meiner Forschungen so überrascht und enttäuscht wie diesmal: Die Gesamtschule schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems – entgegen ihrem Anspruch und entgegen den Hoffnungen vieler Schulreformer, denen ich mich verbunden fühle. Die soziale Herkunft, so die bittere Erkenntnis der neuen Studie, entscheidet hierzulande noch langfristiger über den Bildungserfolg der Kinder als bislang angenommen.‘

Deshalb sollten Reformaktivitäten eher darauf gelenkt werden, wie man denn benachteiligten Kindern – schon frühzeitig in der Kindergartenzeit – wesentlich besser helfen kann. Dort werden entscheidende Weichen gestellt. Das wäre wesentlich wirksamer, als ständig an der Schraube Schulsystem zu drehen und in Uelzen gut funktionierende Schulen zu zerstören und sie durch die schlechtere Schule (IGS) zu ersetzen.

Eine IGS in Uelzen oder im Landkreis dürfte das Aus für alle kleineren SEK-I-Schulstandorte (erst Suderburg und Rosche, mittelfristig dann auch Bad Bodenteich und Ebstorf) bedeuten. Die kommenden Monate sollten genutzt werden, um intelligente Kooperations- und Differenzierungsmodelle für die kleinen Haupt- und Realschulstandorte auszuarbeiten beziehungsweise zu verfeinern. Das aber ist Aufgabe der Fachleute der betroffenen Schulen.“

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