Davide Calabrese aus Bienenbüttel ist der einzige Tagesvater im Landkreis Uelzen

„Die Kinder sind meine Chefs“

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Davide Calabrese und seine drei Kinder.

Bienenbüttel/Landkreis. Manchmal fragt sich Tanya Ca-labrese, wer eigentlich mehr Kind ist: ihr Mann Davide oder seine kleinen Schützlinge.

Denn der 30-Jährige tobt, kuschelt und spielt mit Knirpsen im Alter zwischen einem halben und dreieinhalb Jahren, als hätte er nie etwas anderes getan. Dabei ist der gelernte Gastronomie- und Hotelkaufmann erst vor etwa zwei Jahren darauf gekommen, beruflich umzusatteln: Unter den rund 100 Tagesmüttern im Landkreis Uelzen ist Davide Calabrese aus Bienenbüttel der einzige Tagesvater. Wobei – das hört er gar nicht so gern. Korrekterweise, erklärt er, heiße es ja auch Kindertagespflegeperson.

Mit seiner „Casa Bambini“ am Bienenbütteler Mühlenweg hat sich der gebürtige Sizilianer im Januar 2011 selbstständig gemacht. „In meinem Beruf als Hotelkaufmann habe ich meinen eigenen Sohn so gut wie nie gesehen“, sagt Calabrese, „und eines Tages habe ich gedacht, dass das so nicht richtig sein kann.“ Und weil die Calabreses sowieso ein offenes Haus haben, in dem Familie und Freunde gern ein und aus gehen und auch Kinder immer und überall mit dabei sind, war die Entscheidung irgendwann gefallen. „Ich bin einfach eines Morgens nach Uelzen zum Kindertagespflegebüro gefahren – ohne meiner Frau etwas davon zu erzählen – und habe mich über die Ausbildung erkundigt“, schmunzelt Davide Calabrese.

Im Dezember 2009 kündigte er seinen alten Job, ging dann in die Elternzeit, um sich um seinen eigenen Filius Gianni zu kümmern, begann einen Teil seines Hauses zur „Casa Bambini“ umzubauen – mit Bettchen, Spielecke und Wickeltisch – und startete im September 2010 in die dreimonatige Kindertagespflege-Ausbildung.

„Das war cool“, lacht der 30-Jährige, danach gefragt, wie es sich so lernte, ganz allein unter Frauen. Die hätten ihn sofort in ihren Reihen aufgenommen. Aber natürlich war Calabrese als Mann immer irgendwie eine Exot unter den Tagesmüttern in spe. Und sei es, weil er sich regelmäßig mit einem Augenzwinkern darüber mokierte, dass in den Lehrbüchern ausschließlich und ständig von Frauen und Müttern die Rede war.

Längst hat Davide Calabrese in seine Rolle als männliche Tagesmutter gefunden. Wie selbstverständlich zuckelt er mit Bollerwagen und Bobbycars in den Ort, um mit seinen Kleinen ein Eis zu essen oder spazieren zu gehen. Und auch die Mutter-Kind-Parkplätze vor dem Supermarkt steuert er mittlerweile völlig selbstverständlich an.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist die „Casa Bambini“ heute ausgebucht. Zehn unter Dreijährige hat der 30-Jährige derzeit in seiner Obhut, allerdings immer nur fünf zur Zeit – mehr darf eine Tagespflegeperson nicht gleichzeitig betreuen. Zu Beginn musste es sich erst einmal herumsprechen, dass Davide Calabrese Kinderbetreuung anbietet. „Manche waren zuerst skeptisch, andere kamen völlig selbstverständlich“, erinnert er sich an die Anfänge. Nur zwei Kinder musste er bislang ablehnen. „Das passte einfach nicht“, sagt der Tagesvater. Aber das gebe es schließlich auch bei Tagesmüttern. Heute sind es besonders allein erziehende Frauen, die es zu schätzen wissen, dass ein Mann die Betreuung ihrer Sprösslinge übernimmt.

Während drei seiner Betreuungskinder auf dem weitläufigen Grundstück direkt am Bienenbütteler Mühlenteich geschäftig ihre Mini-Schiebkarren durch die Gegend fahren, Puppen in kleinen Buggys herumchauffieren oder den Inhalt der Blumenbeete näher erforschen, sinniert Davide Calabrese über seine Motivation, sein Leben von heute auf morgen einfach so umzukrempeln.

„Ich habe selber vier Geschwister“, sagt er, „Familie ist sehr wichtig. Und auch das hier, die Tagespflege, ist für mich definitiv Familie. Die Kinder essen mit uns, sie leben mit uns. Und wenn eines weint, dann tröste ich es genauso wie ich meinen eigenen Sohn tröste. Und wenn ich schimpfen muss, dann schimpfe ich natürlich auch genauso.“

Davide Calabrese sieht sich als Wegbegleiter auf Zeit für die Kleinen. Ganz unaufgeregt und entspannt kümmert er sich um sie, wechselt er Windeln, trocknet Tränen und füttert er. „Ruhe gibt Ruhe“, ist der Sizilianer überzeugt. Und dass Italienern grundsätzlich nachgesagt werde, dass sie gut mit Kindern könnten? Ja, schmunzelt er, auch das könne vielleicht etwas damit zu tun haben, dass er sich in seinem neuen Beruf so wohl fühlt.

„Kinderbetreuung ist auch wie Schule“, erklärt er. „Den Kleinen etwas mitzugeben, sie selbstständig zu machen, ihnen Dinge beizubringen – das ist das Schönste.“ Seinen ehemaligen Beruf in Hotel und Gastronomie vermisst der Sizilianer, der seit fünf Jahren in Bienenbüttel lebt, nicht. Keine launischen Gäste mehr und auch keinen unmittelbaren Chef. „Die Kinder sind meine Chefs“, lacht er und wirkt durch und durch zufrieden. Kinder seien so viel dankbarer als viele andere Menschen, findet Davide Calabrese. „Die schenken dir plötzlich ein Lachen. Einfach so.“

Von Ines Bräutigam

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