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Dem Krieg entkommen: Sieben ukrainische Frauen in Molzener Jugenddorf untergebracht

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Von: Norman Reuter

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Tscherkassy, zentral in der Ukraine gelegen, ist ihre Heimatstadt. Wegen des Krieges haben die sieben Frauen sie verlassen. Sie sind jetzt in Molzen untergebracht.
Tscherkassy, zentral in der Ukraine gelegen, ist ihre Heimatstadt. Wegen des Krieges haben die sieben Frauen sie verlassen. Sie sind jetzt in Molzen untergebracht. © Reuter

In der Ukraine arbeiteten sie bis vor wenigen Wochen noch in einem Logistik-Unternehmen, als Lehrerin oder Kosmetikerin. Jetzt steht ihr Leben auf dem Kopf. Frauen und ihre Kinder sind als Kriegsflüchtlinge im Jugenddorf in Molzen untergekommen.

Uelzen-Molzen – Es gibt diesen Moment im Gespräch, an dem Anna Franczok, die neue Besitzerin des Jugenddorfes in Molzen, die Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Sie wird übermannt von dem, was sie hört – und für die AZ ins Deutsche übersetzt. Ukrainerinnen wie Olga Sushehenko, Irina Sivkova und Sofia Reshetnikova berichten gerade von den letzten Tagen, die sie in ihrer Heimatstadt Tscherkassy erlebten, bevor sie diese verließen. Nicht wissend, wann und ob sie überhaupt zurückkehren können.

„Fünf, sechs Mal pro Tag“, berichtet Sofia Reshetnikova, „heulten die Sirenen. Bomben fielen herab.“ Ziele seien der Flughafen, eine Tankstelle und auch eine Militärkaserne gewesen. Bei einer der Explosionen sei ein Mann in der Stadt in seinem Auto verbrannt. Spätestens da, so Reshetnikova, hätten sie realisiert: Das ist Krieg. Das alles passiert gerade wirklich. Bei den Schilderungen schauen die Ukrainerinnen bedrückt zu Boden, Anna Franczok kämpft mit den Tränen. Sie hat ihre Wurzeln in Polen, lebt seit gut 20 Jahren in Molzen und ist erst seit Stunden offizielle Eigentümerin des Jugenddorfes im Ort.

Das ist ein Platz, der seit vielen Jahren bereits verbunden ist mit dem Schicksal von Menschen aus Osteuropa. In Vor-Corona-Zeiten haben sich dort, jeweils im Sommer, die Kinder aus der weißrussischen Region Gomel, die durch radioaktive Strahlung des Atomunglücks in Tschernobyl erkrankten, erholt. Als im vergangenen Jahr der Trägerverein des Jugenddorfes ankündigte, sich auflösen zu wollen, war auch die Zukunft des 1,5 Hektar großen Areals mit sechs Schlafhütten und Gemeinschaftsräumen ungewiss. Franczok erwarb Gelände und Gebäude, um es auch weiterhin für Freizeiten, Schulklassen und die Gomel-Kinder anzubieten.

Dass sie so schnell „Gäste“ haben würde, damit rechnete sie nicht. Vergangene Woche Freitag sei die Frage an sie herangetragen worden, ob dort Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine untergebracht werden könnten, erzählt Franczok. Ein Hilfskonvoi aus der Samtgemeinde Bevensen-Ebstorf kündigte an, Menschen aus der Ukraine mitbringen zu wollen. Ab Samstag wurde das Jugenddorf geputzt, am Montag trafen die Ukrainer ein. 19 leben seitdem am Moorweg in Molzen, darunter auch kleine Kinder.

Das Dorf bringt sich ein, Spender helfen. Jessica Lemke aus Molzen berichtet von Sachspenden. So stehe jetzt auch eine Waschmaschine im Jugenddorf. Gemeinsam werde gefrühstückt und zu Mittag gegessen. Gegen 16 Uhr trifft sich der Helferkreis, um zu besprechen, was akut noch gelöst werden muss. Aktuell ist es den Urkainern noch nicht wirklich möglich, regelmäßig Kontakt in die Heimat zu halten. Aber ein WLAN-Netz, über das Anrufe möglich sein sollen, werde kommen, berichtet Franczok.

Als gebürtige Polin versteht sie die Ukrainer mit ihrer Sprache leidlich. In Molzen lebt aber eine Psychologin, die ukrainisch versteht, die auch regelmäßig kommt und zuhört. Das sei Glück im doppelten Sinne, sagt Lemke. Auf den Flüchtlingen lasten die Erlebnisse des Krieges und die unklärte Frage, ob es eine Heimkehr geben kann. Olga Sushehenko hat in ihrer Heimat als Lehrerin unterrichtet – in Kunst, wie sie erzählt. Irina Sivkova war in einem einem Logistik-Unternehmen tätig. Sofia Reshetnikova lernte Kosmetikerin. Sie möchten alle so schnell wie möglich zurück, wenn es die Situation erlaubt, sagen sie. Gestern ging aber ein weiterer Tag mit Bombenabwürfen und Kämpfen in der Ukraine zu Ende. Dass sie in Molzen sein dürften, dass sie eine solche Unterstützung erfahren, das mache sie glücklich, sagt Sofia Reshetnikova im Namen aller. „Danke dafür.“ Anna Franczok übersetzt das und muss wieder mit den Tränen kämpfen. Wer kann es ihr in diesem Moment verdenken?

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