In Uelzen spaltet Kunstwerk die Gemüter

Debatte um Venuskogge: Jetzt spricht der Künstler

In der Frontansicht zeigt sich das Venussymbol, das für Frauen stehe – egal welches Standes, welchen Alters, welcher Hautfarbe, welcher sexuellen, wirtschaftlichen, politischen oder sonstigen Identität, erklärt Claus Kobernuß.
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In der Frontansicht zeigt sich das Venussymbol, das für Frauen stehe – egal welches Standes, welchen Alters, welcher Hautfarbe, welcher sexuellen, wirtschaftlichen, politischen oder sonstigen Identität, erklärt Claus Kobernuß.
  • Norman Reuter
    VonNorman Reuter
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Zu abstrakt sei die Venuskogge, sagen die einen. Andere fühlen sich an ein Bügeleisen erinnert. Claus Kobernuß hat den Entwurf des Kunstwerks eingereicht und den Zuschlag für den Bau bekommen. Im AZ-Gespräch erklärt er, wie auf die Idee kam und für was die Venuskogge steht. Und er sagt: Kunst sollte die Gedanken in Bewegung bringen.

Uelzen – Er greift zum Stift. Auf kariertem Papier skizziert Claus Kobernuß seine Venuskogge, beschreibt, aus welchen einzelnen Elementen sie sich zusammensetzen wird, welche Symbolik in ihr steckt. Der 49-Jährige sagt: Sein Entwurf bedürfe durchaus der Erklärung. Er findet aber auch: „Wenn es um Kunst geht, müssen die Gedanken in Bewegung kommen.“

Eines lässt sich schon jetzt sagen: Mit seiner Venuskogge hat er das geschafft. Nachdem sich der Rat der Hansestadt Uelzen vergangene Woche mehrheitlich dafür aussprach, dass sein Entwurf als Kunstwerk zum Thema Frauen an der Kreuzung vorm Alten Rathaus realisiert werden soll, äußern sich Uelzener dazu: auf der Straße, in Leserbriefen und in sozialen Netzwerken. Manche fühlen sich an ein Bügeleisen erinnert, andere finden es schrecklich abstrakt. Kobernuß wird auch persönlich angesprochen. Erklärt er seine Idee, hört der 49-Jährige Sätze wie: „Ach so, das ist schön.“

Die Venuskogge ist zwei in einem – sie verbindet das Venussymbol für Frauen mit der in der Hanse-Zeit bedeutsamen Kogge als Transportmittel für Handelswaren. Eine solche Kogge ist in St.-Marien zu sehen. Kobernuß: „Das goldene Schiff ist ein Wahrzeichen Uelzens.“

Die Venuskogge von der Seite betrachtet, erinnert an die Kogge mit Kiel und Deck. Von vorn zeigt sich das Venussymbol, das bewusst gewählt wurde. Es stehe für Frauen – „egal welcher Herkunft, welches Standes, welchen Alters, welcher Hautfarbe, welcher sexuellen, wirtschaftlichen, politischen oder sonstigen Identität“, betont Kobernuß. Das sei ihm wichtig. Dass er sich überhaupt mit der Ausschreibung beschäftigte, sich letztlich mit einem Entwurf bewarb, ist einerseits seinem Interesse an Architektur, Kunst und Technik geschuldet, wie er berichtet. Zugleich bringen Aufrufe zu Kunstprojekten seine eigenen Gedanken in Bewegung. „Ich stelle mir die Frage: Wie würde ich das lösen“, sagt Kobernuß.

So hat er sich auch schon mit einem Entwurf zum „Hansedenkmal“ beworben, das vor einem Frauen-Kunstwerk am Alten Rathaus aufgestellt werden sollte. Damals seine Idee: Eine Kogge. Letztlich war der Wiederaufbau des Verkehrsturms favorisiert worden, der allerdings nie realisiert wurde.

Claus Kobernuß sagt: „Ich bezeichne mich nicht in erster Linie als Künstler.“ Er wolle etwas schaffen. Das hängt auch mit seinem Beruf zusammen. Seit Anfang der 1990er-Jahre ist er bei „Leben leben“ beschäftigt, ist dort Ausbilder in den Werkstätten. Er bringt Menschen mit Unterstützungsbedarf Handwerkliches bei.

Er schildert: Da ist es mir wichtig, dass nicht zwei Wochen etwas gefeilt wird, und dann landet es auf dem Schrott.“ Vielmehr solle etwas geschaffen werden, das bleibt. Menschen würden dabei ihre Potenziale und Selbstbewusstsein entdecken.

Als von der SPD im Rat ein Frauen-Kunstwerk am Alten Rathauses aufs Tapet gebracht wurde, entwickelte er seine ersten Ideen zur Venuskogge. Ursprünglich war aber eine Frauen-Statue ausgeschrieben, weswegen er sich nicht bewarb. In Künstlerkreisen wurden in der Folge die engen Vorgaben kritisiert, als eine Einschränkung der künstlerischen Freiheit bezeichnet. Und die eingerichtete Jury und Politik öffneten sich auch für andere Ideen (AZ berichtete). Davon ermutigt, gab Kobernuß seinen Entwurf ab.

Er sei nicht angetreten, weil er glaubte, damit siegreich zu sein, meint Kobernuß. Jetzt hat er den Zuschlag bekommen, führt erste Telefonate mit Firmen, die die Stahlprofile als Rahmen biegen sollen. Sie werden mit einer Bronzeschicht versehen. Deck und Kiel der Kogge werden aus Holz sein.

Das hat auch einen besonderen Grund. Auf dem Kunstwerk kann auch Platz benommen werden, es dient als Bank. Es biete die Chance, dort miteinander und über das Kunstwerk ins Gespräch zu kommen, sagt Kobernuß. „Es ist doch großartig, wenn Kunst erlebbar ist.“

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