Von Woche zu Woche

DDR-Bürger als Flüchtlinge

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(Symbolfoto)

Gerade Ostdeutsche kommen heute häufiger daher und fordern lautstark, die Wirtschaftsflüchtlinge wieder zurück zu schicken.

Ulrike Meineke

Das sollten sie nicht tun. Denn was, wenn sie damals, vor genau 25 Jahren, in die DDR zurück geschickt worden wären? Im Vergleich zu den Menschen vom Balkan und aus anderen armen Gegenden dieser Welt ging es den DDR-Bürgern wahrscheinlich 100 Mal besser. Das vergisst man schnell, wenn man in einer Wohlstandsgesellschaft lebt, in der man Geld kriegt, auch wenn man nicht arbeitet, in der man medizinisch betreut und versorgt wird und das Amt, also der Staat, dafür zahlt, in der einem sogar die Wohnung vom Staat finanziert wird, wenn man keinen Job hat, in dem man Kindergeld bekommt.

Das ist für die Ostdeutschen nach 25 Jahren Wende normal. So normal, dass man gern mal darüber schimpft, warum der Staat nicht mehr für seine Menschen tut. Nun überrollt uns die Flüchtlingswelle. Die meisten fliehen vor Krieg und Gewalt, andere wollen einfach ein besseres Leben. Abgesehen davon, dass in diesen Ländern die Vor-aussetzungen für ein besseres Leben geschaffen werden müssen und Deutschland, die Niederlande, Schweden & Co. ohne Reglement aus allen Nähten platzen würden – 25 Jahre Deutsche Einheit sollten auch Anlass sein darüber nachzudenken, wie die Situation vor einem Vierteljahrhundert war.

Ostdeutschland ist aufgestanden, hat sich erhoben gegen SED-Diktatur, für Freiheit – für ein besseres Leben. Was wäre wohl passiert, wenn Westdeutschland die Wirtschaftsflüchtlinge aus Ostdeutschland nicht hätte haben wollen? Die ehemalige DDR wäre vermutlich ein armseliger Staat geworden, in dem die Menschen Not gelitten hätten. Ähnlich manchen Staaten, die aus dem ehemaligen Jugoslawien hervorgegangen sind.

Katrin Göring-Eckardt hat deshalb gar nicht so unrecht, wenn sie in einer Bundestagsdebatte sagte, dass heute 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen bereits einen Migrationshintergrund haben „und dabei habe ich die Ossis noch nicht mitgerechnet“. Sagt eine herablassende Grünen-Politikerin aus dem Westen? Nein, Göring-Eckardt kommt aus dem thüringischen Gotha.

Der Osten wollte damals, vor 25 Jahren, in den Westen. Ostdeutschland wollte westdeutschen Standard, D-Mark. Und viele ehemalige DDR-Bürger wurden tatsächlich zu Migranten, weil sie ihren Wohnsitz von der ehemaligen DDR nach Westdeutschland verlegten. Und warum? Weil es dort bessere Arbeits- und Lebensbedingungen gab. Heißt im Umkehrschluss: Ostdeutsche waren auch Wirtschaftsflüchtlinge. Auch wenn das 25 Jahre her ist – die aktuelle Flüchtlingssituation aus dieser Perspektive zu betrachten, eröffnet vielleicht ganz andere Blickwinkel.

Von Ulrike Meineke

 Ulrike Meineke, gebürtige Ostdeutsche, war zu Wendezeiten in der DDR als Mitglied des Neuen Forums Mitbegründerin der in Salzwedel erscheinenden Altmark-Zeitung, deren Redaktionsleiterin sie heute ist. Die Altmark-Zeitung ist das Schwesterblatt der AZ Uelzen.

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