„Datenlage extrem dünn“

Rolf Kuchenbuch.

Uelzen/Rostock - Von Thomas Mitzlaff. Mit 30-prozentigen Ertragssteigerungen wollen die Stadtwerke Uelzen ihr tief in die roten Zahlen gerutschtes Landwirtschaftsprojekt in der Ukraine retten. Ein Gutachten über die Ertragspotenziale des Projektes war jüngst Grundlage für den Aufsichtsrat, einer Aufstockung der Investitionen bis zu 5,5 Millionen Euro zuzustimmen. Doch nach Auffassung von Experten ist diese Expertise voller Mängel und klammert entscheidende Risikofaktoren des umstrittenen Engagements einfach aus.

„Mit meinem fachlichen Hintergrund würde ich dieses Gutachten nicht akzeptieren“, sagt Dr. Rolf Kuchenbuch, Professor für Pflanzenernährung an der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock und Direktor der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt Rostock, die als führende Untersuchungseinrichtung für Landwirtschaft und Umwelt in Mecklenburg-Vorpommern gilt und Kontakte zu deutschen Landwirten in der Ukraine unterhält.

30-prozentige Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft seien schwierig und nur bei entsprechenden Bodenanalysen und Nährstoffgehalten des Bodens möglich – „aber hier ist die Datenlage extrem dünn“, sagt Kuchenbuch, der das Gutachten mit Kollegen ausgewertet hat.

Für ein repräsentatives Ergebnis der Bodenqualität sei es üblich, Bodenproben in einem Fünf-Hektar-Raster zu nehmen, so der Experte. Bei den rund 11 000 Hektar, die die Stadtwerke in der Ukraine gepachtet haben, müssten somit mehr als 2200 Proben genommen worden sein – das Gutachten wurde aber nur auf Grundlage von 65 Proben erstellt. „Aus dem mir vorliegenden Gutachten vom Januar 2010 geht nicht einmal hervor, wo die Proben genommen wurden, ob auf den gesamten Flächen oder nur dem Teil, der derzeit bewirtschaftet wird“, sagt Kuchenbuch.

Doch selbst wenn nur die Hälfte der Felder bewertet wurde, hätten über 1000 Proben genommen werden müssen – „ich jedenfalls würde mir nicht zutrauen, auf Grundlage von nur rund sieben Prozent der notwendigen Proben die Schlussfolgerungen zu ziehen, die hier gezogen wurden“, so der 56-jährige Wissenschaftler.

Ohnehin sei in dem Gutachten angesichts der schlechten Datenlage viel mit Annahmen gearbeitet worden und deshalb wäre die Risikobewertung eines solchen Landwirtschaftsprojektes umso wichtiger gewesen, so Kuchenbuch. „Wie groß ist das Risiko im Vergleich zum Nutzen? – diese entscheidende Frage will man doch als Stadtparlamentarier beantwortet sehen. Aber diese Antwort gibt es nicht“, sagt der Professor, der selbst für die CDU in der Stadtvertreterversammlung von Bad Doberan sitzt. „Wenn man wissen will, was da wirklich los ist auf den ukrainischen Äckern der Stadtwerke Uelzen, braucht man mindestens ein zweites Gutachten, das den Sachverstand von anerkannten Pflanzenbauern und Pflanzenernährern einbezieht, die möglichst mit den Bedingungen vor Ort in der Ukraine vertraut sind“, so die Bilanz des Experten.

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