„Das Risiko steigt stetig“

Die Justizvollzugsanstalt Uelzen aus der Vogelperspektive: Hier ereignete sich 1999 ein Blutbad, unter dessen Eindruck das Personal auch heute noch steht.

Uelzen/Hannover - Von Thomas Mitzlaff. Personalabbau in den Haftanstalten, wachsende Verunsicherung unter den Bediensteten, schwindendes Vertrauen zu Vorgesetzten, immer weniger Zeit für Gefangene – die Basis des niedersächsischen Justizvollzugs schlägt Alarm. In Niedersachsen geht jetzt erstmals ein JVA-Bediensteter in die Öffentlichkeit. Er hat ein Buch geschrieben über die Situation in den Knästen des Landes. „Die hochgerüstete technische Sicherheit dient als Argument, immer mehr Personal abzubauen. Das bewirkt eine extreme Verunsicherung, bei den Beamten wie bei den Gefangenen. Das Risiko einer Geiselnahme nimmt stetig zu“, sagt Johannes Hauser in einem Interview mit der AZ.

Seit 1979 ist er im Vollzug tätig und kennt sich aus in Niedersachsens Gefängnissen. In der Justizvollzugsanstalt Uelzen hat Hauser 1999 das Blutbad miterlebt, als ein Häftling den stellvertretenden Anstaltsleiter und einen weiteren Bediensteten erstach und sich dann selbst richtete.

Das Buch „Gitterwelt – die späte Rache eines Justizbeamten“ handelt nicht von Gefangenen, „denn um die geht es ja in der Vollzugsrealität kaum noch. Ich wollte die Leistungs-, Macht- und Führungsstrukturen im Vollzug möglichst realistisch entlarven“, so Hauser zur AZ. Sein Name ist ein Pseudonym, Jahreszahlen wurden verändert, Örtlichkeiten verfremdet. Denn Hauser arbeitet bis heute im Strafvollzug. Sein Roman, eine Mischung aus Fiktion und wahren Begebenheiten, schildert das Leben des JVA-Bediensteten Johannes Hauser, der sich an dem System rächt, das ihn psychisch verändert und seine Ehe zerstört.

Mit seinem Buch will er wachrütteln, sagt Hauser: „Der öffentliche Dienst muss endlich Grundlegendes verändern, man muss Führungskultur hereinbringen, diese Kuscherei nach oben muss ein Ende haben.“ Blinder Aktionismus demotiviere die Belegschaft und halte sie klein. Man habe lange Ruhe vor so genannten außerordentlichen Vorkommnissen gehabt.

„Aber wenn die Entwicklung so weitergeht, Personalabbau und Beschäftigung mit allem anderen – Controlling, Einsparmaßnahmen – ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann einer unserer JVA-Kessel explodiert“, sagt Hauser.

„Die eigentliche Sicherheit müsste doch eine soziale Sicherheit sein: Bedienstete, die sich um die Gefangenen kümmern und Zeit für ihre Probleme haben. Aber das gibt es zur Zeit nicht. Wir bekommen die subkulturellen Entwicklungen bei den Gefangenen doch gar nicht mehr mit“, kritisiert der Bedienstete. Der AZ stellte er sich zum Interview.

Warum schreiben Sie unter einem Pseudonym?

„Eigentlich wollte ich ja mit meinem eigenen Namen für die Authentizität des Romans bürgen. Ich habe dann aber doch auf den Rat von Freunden und Fachleuten gehört. Als Beamter bin ich gehalten, nichts zu unternehmen, das dem Ansehen des Berufsbeamtentums schadet. Und insofern könnten engstirnige, humorlose Mitmenschen nach dem Lesen von ,Gitterwelt’ durchaus ein Bedürfnis entwickeln, disziplinarrechtlich gegen mich vorzugehen. Die Erfolgsaussichten rechtlicher Schritte gegen mich sind meiner Meinung nach zwar gering, aber man darf die starke Belastung durch ein Disziplinarverfahren nicht unterschätzen.“

Was wollen Sie ausdrücken mit Ihrem Buch?

„Dass der öffentliche Dienst sich bewegen, verändern muss. In diesem System muss endlich der kleine Beamte, der den schwierigen Dienst in den Hafthäusern leistet, genauso viel wert sein und ernst genommen werden und darf nicht Opfer der Sandkastenspiele auf der Führungsebene sein. Überspitzt formuliert kümmern wir uns im Justizvollzug doch nur noch um unsere nächste Beförderung und um uns selbst. Dazu kommt, dass die Beamten und Angestellten immer weniger Vertrauen zu ihren Vorgesetzten, zum Ministerium und zur Landesregierung haben.“

Wie viel ist Fiktion, wie viel Realität in ihrem Roman?

„Das Personal ist sicher an vielen Stellen überzeichnet, aber in unseren Gefängnissen gibt es natürlich solche Charaktere. Die Figuren sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen bleiben aber unvermeidbar. Natürlich ist nicht jeder Anstaltsleiter, nicht jeder Ministerialbeamte ein egoistischer Stümper. Aber die Geiselnahme und ähnliche Storys in meinem Buch beruhen auf realen Vorlagen.“

Sie haben auch Einblicke in die Abläufe der JVA Uelzen. Warum kommt das Blutbad aus dem Jahr 1999 in ihrem Buch nicht zur Sprache?

„Diesen Vorfall habe ich ganz bewusst mit Rücksicht auf die Angehörigen ausgeklammert. Ich will mich nicht mit so einem Vorfall profilieren.“

Befürchten Sie nicht, dass Sie in Justizkreisen jetzt als Nestbeschmutzer gelten?

„Nein, zumindest an der Basis nicht. Ich habe das Buch auch geschrieben für die ,kleinen’ Beamten, die in den Hafthäusern ihre schwierige Arbeit versehen. Und die nicht genug Beachtung finden. Der kleine Beamte wird alle 15 Jahre befördert, aber der höhere Dienst kann sich gegen Beförderungen gar nicht wehren. Die Beamten und Angestellten werden mit ihren Sorgen und Nöten längst nicht richtig ernst genommen. Wer in der Hierarchie über mir steht, wird mein Buch womöglich als völlig verquer ansehen. Die Basis aber wird sagen: Endlich schreibt mal einer auf, wie das Leben wirklich ist bei uns hier im Gefängnis, wenn in meinem Roman natürlich auch einiges überspitzt dargestellt wird.“

Wird Gitterwelt eine einmalige Aktion sein?

„Durchaus nicht. Mir geht schon ein Konzept für die Fortsetzung, Gitterwelt 2, durch den Kopf.“

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