Vor dem Urteil im ersten Douglas-Prozess – Uelzens Bürgermeister Otto Lukat über Gewalt, Gremien und Gespräche

„Das ist eine entsetzliche Erfahrung“

Otto Lukat

Uelzen. Im April endet der erste Prozess gegen mutmaßliche Mitglieder der Douglas-Bande – es geht um versuchten Totschlag. Parallel dazu beginnt ein zweiter Prozess gegen Mitglieder der Bande – diesmal stehen Schutzgelderpressungen im Mittelpunkt.

Zeit, mit Uelzens Bürgermeister Otto Lukat die vergangenen Wochen aus Sicht der Stadt zu analysieren und gleichzeitig in die Zukunft zu blicken.

Was ist schiefgelaufen im Rathaus, dass der Bürgermeister seit Wochen zu den Vorkommnissen rund um die Douglas-Bande schweigt?

Der Bürgermeister hat nicht geschwiegen. Allerdings habe ich mich nur öffentlich geäußert, wenn es einen konkreten Anlass gab – ich habe Anfragen von Rundfunk und anderen Medien beantwortet. Wir – und damit meine ich die Polizei, den Jugendpfleger und den Präventionsrat – klären in vielen Gesprächen, welche notwendigen Maßnahmen wir treffen müssen. Ich habe meine Aufgabe darin gesehen, die Meinungen und Einschätzungen aller Beteiligten zu sammeln und zu schauen, wie wir mit der Situation umzugehen haben. Fakt ist, dass das Verhalten der Douglas-Bande nicht akzeptabel ist – weder die Bedrohungen noch die Einflussnahmen auf Zeugen und Pressevertreter. Aber ich möchte auch betonen, dass die jugendlichen Mitglieder der Douglas-Bande sind eine kleine Gruppe von jungen Migranten sind, die nicht repräsentativ für Migranten in Uelzen sind.

Ist die Stadt von den Presseveröffentlichungen in regionalen und überregionalen Medien überrollt worden?

Überrollt nicht, aber im Ergebnis überrascht. Denn: Die Berichterstattung gerade in den überregionalen Medien – ich nehme da die Allgemeine Zeitung Uelzen ausdrücklich aus – stellt sich so dar, als seien marodierende Banden in den Straßen Uelzens der Normalzustand. Das ist mitnichten so. Wir haben den anfragenden Medien ausführliche Stellungnahmen – auch schriftlich – gegeben. Allerdings wurden gerade in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der ZEIT unsere Aussagen darauf reduziert, dass wir nur Wert auf die Feststellung legen würden, Uelzen sei eine sichere Stadt. Unsere detaillierten Analysen und ergriffenen Maßnahmen wurden nicht veröffentlicht. Für Auswärtige musste so der Eindruck entstehen, wir würden uns der Problematik nicht ausreichend stellen. Das hat uns zu Unrecht in ein schlechtes Licht gerückt.

Fiebert die Stadt Uelzen jetzt dem Urteil im ersten Prozess Ende April entgegen?

Fiebern ist in diesem Zusammenhang der falsche Ausdruck. Aber sicherlich sind wir auf das Urteil gespannt. Und es ist auch kein Geheimnis, dass wir uns von dem Urteil eine Signalwirkung in die richtige Richtung erhoffen. Es gilt, alle Kräfte zu bündeln, dass wir ähnliche Vorfälle und Situationen nicht noch einmal erleben müssen.

Um dies zu realisieren ist doch bestimmt auch der Präventionsrat gefordert. Der zeigt sich in der breiten Öffentlichkeit offensichtlich seit Wochen sprachlos. Ist das Gremium abgetaucht?

Der Präventionsrat hat sich zur Aufgabe gesetzt, Dinge zu vermeiden. Sprich: der Präventionsrat soll die Zukunft gestalten. Jetzt aber sind Polizei und Justiz gefordert, entsprechend zu intervenieren. Mit den Auswirkungen und Analysen wird sich dann auch der Präventionsrat befassen.

Ist der Präventionsrat eine Organisation für wohlgeformte, aber letztendlich folgenlose Sonntagsreden?

Nein. Beim Präventionsrat arbeiten Menschen außerhalb ihrer beruflichen Verpflichtungen. Jeder ist gefordert. Wir brauchen die bürgerliche Gesellschaft, das Engagement und die Zivilcourage jedes Einzelnen. Wir als Stadt können nur mit freiwilligen Angeboten arbeiten. Wir haben nicht die großen finanziellen Mittel – was wir möglich machen können, machen wir auch. Prävention muss ein Grundrauschen unter den Bürgern sein. Wir müssen dabei akzeptieren, dass es Situationen gibt, die wir alle nicht wollen.

Welche Lehren zieht der Bürgermeister aus den Gewaltorgien der Douglas-Bande?

Wir benötigen intelligente Lösungen. Bereits im vergangenen Jahr haben wir das Streetworker-Projekt angedacht, seit dem 1. Februar haben wir es umgesetzt. Konkret: Aus Stiftungsmitteln finanzieren wir eine 30-Stunden-Stelle für zwei Streetworker. Der Streetworker hat kürzlich einen Bericht abgegeben und gesagt, dass er seit Anfang des Jahres an jedem Wochenende im Stadtzentrum und den Kneipen bis 4 Uhr morgens stichprobenartig unterwegs war. An keinem dieser Tage habe er Bedrohungssituationen gegen sich oder andere Passanten wahrnehmen können. Mit einem robusten Nervenkostüm, pädagogischem Feingefühl und einer Sprache, die auch dort draußen gesprochen wird, sind die Streetworker an den Brennpunkten dran – zu Tages- und Nachtzeiten. Doch das alleine reicht nicht aus. Wir müssen die Vereinzelung in unserer Gesellschaft aufheben, wir müssen die Nachbarschaft zwischen den Geschäften in der Innenstadt mit Leben füllen. Und: Jeder, der bedroht wird, muss zur Polizei gehen.

Ist es nicht Aufgabe der Stadt, aus dieser Bedrohung ein Bündnis, einen runden Tisch zu schmieden – mit Vertretern aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft?

Ich darf an dieser Stelle sagen, dass in der Stadt entsprechende vorbereitende Gespräche laufen. Je mehr sich beteiligen umso besser. Im Idealfall macht die ganze Stadt mit – da kann eine richtige Kraft wachsen. Wir möchten aus der Gemeinschaft heraus ein Zeichen setzen. Ich möchte, dass wir eine gemeinsame Veranstaltung hinbekommen.

Nach dem Motto: „Eine Stadt steht auf und der Bürgermeister setzt sich an die Spitze…

…in der Tendenz ja. Aber ich würde es anders formulieren. Eine Stadt ist wachsam und der Bürgermeister steht an der Spitze. Wir haben eine Situation, die wir alle nicht für möglich gehalten hätten. Das ist eine entsetzliche Erfahrung. Wir müssen in der Zukunft darauf achten, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Von Andreas Becker

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