„Das war doch nur ein Klatscher“

Im Amtsgericht Uelzen ist auch das Jugendgericht untergebracht.

Uelzen - Von Thomas Mitzlaff. „Hätte ich gewusst, dass das 800 Euro Geldstrafe werden, hätte ich richtig zugeschlagen. Das war doch gar nichts, das war ein Klatscher.“ Rico S. redet sich in Rage. Mit den Händen in der Hosentasche steht er an seinem Tisch, fällt der Jugendrichterin immer wieder bei der Urteilsbegründung ins Wort. „Da gehe ich lieber 40 Tage in den Knast, so viel Urlaub habe ich noch“, dröhnt der 22-Jährige. Sein Freund im Zuschauerraum schüttet sich aus vor Lachen über den großen Auftritt seines Kumpels.

Angela Neßelhut lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. Erst vergangene Woche sorgte Uelzens Jugendrichterin auch überregional für Aufsehen, weil sie vier Jugendliche nach einem Überfall auf Camper am Oldenstädter See allesamt in Untersuchungshaft steckte (AZ berichtete). Und auch Rico kennt sich aus hinter Gittern, über zwei Jahre saß er wegen diverser gefährlicher Körperverletzungen, Bedrohungen, Beleidigungen, Diebstählen und Rauschgiftdelikten im Jugendgefängnis von Hameln. „750 Tage waren das am Stück, da wären mir diese 40 Tage sowas von egal“, tönt der 22-Jährige.

Eigentlich ist die Jugendrichterin für ihn gar nicht mehr zuständig, da Rico mittlerweile 22 Jahre alt ist. Aber sein Opfer war erst 17. Ein zierliches Mädchen, dem der groß gewachsene, athletische junge Mann beim Osterfeuer in Bad Bevensen vor den Augen eines Polizeibeamten im Laufen von hinten in den Rücken stieß und ihr gleichzeitig die Beine wegtrat. Die Jugendliche knallte regelrecht auf das Pflaster. „Er war wie von Sinnen, hatte alles verloren, was das Menschsein darstellt“, schildert ein Polizist als Zeuge.

Drei Beamte sind nötig, um den tobenden jungen Mann auf die Uelzener Wache zu verfrachten. „Er beschimpfte uns aufs übelste, dass er uns kalt machen wolle“, schildert der Zeuge.

Seit 2003 war der heute 22-Jährige Dauergast beim Jugendgericht oder er saß Gefängnisstrafen und Arrest ab. Er schien einer von so vielen hoffnungslosen Fällen zu sein, die bei Angela Neßelhut ein- und ausgehen. Doch irgendwann bekommt Rico die Kurve, macht einen ausgezeichneten Realschulabschluss. Mittlerweile ist er im dritten Ausbildungsjahr zum Straßenbauer. Doch dann der Zwischenfall beim Osterfeuer. „Wir haben alles durcheinander getrunken: Wodka, Bier, Mischungen“, sagt er. Dann gibt es ein Wortgefecht mit dem Mädchen, anschließend die Körperverletzung.

40 Tagessätze zu je 20 Euro fordert die Staatsanwältin und der Angeklagte tickt aus angesichts der Summe von 800 Euro. Knapp 750 Euro hat er nur netto im Monat, muss davon Miete und die Bahnfahrkarte bezahlen. Und die 750 Euro für die bevorstehende Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) zum Wiedererhalt des Führerscheins sind auch noch nicht aufgebracht. „Das interessiert mich gar nicht, wenn ich hier rausgehe, habe ich das schon vergessen“, pöbelt der Angeklagte. „Ich schwöre bei Gott, ich werde keinen Cent zahlen.“

Und beim Hinausgehen raunt er dem Opfer noch ein „Rache ist süß“ zu. „Da passiert nichts“, versucht die Richterin die Mutter der 17-Jährigen zu beruhigen. Sie kenne Rico lange genug. Und sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass er einer der wenigen sein könnte, die begriffen haben, dass mit dieser Vorgeschichte ein Ausbildungsplatz „wie ein Sechster im Lotto“ ist.

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