Jürgen Wißner muss über vier Jahre ins Gefängnis – vorher will er nach „Malle“

Ein Clown sagt Tschüss

Abfahrt mit dem Taxi – zum Flughafen? Fotos: Eggeling

Uelzen/Lüneburg. Jürgen Wißner ist geschäftstüchtig. Kaum hat sich das Tor des Untersuchungsgefängnisses am Lüneburger Markt hinter ihm geschlossen, sucht er schon nach der nächsten Einnahmequelle: ,,Wenn die Aufwandsentschädigung stimmt, gebe ich Ihnen ein Interview.

“ Er würde ,,alle Details“ erzählen. Die neben dem Landgericht stehenden Journalisten schauen den Spenden-Clown aus Bardowick ungläubig an, kein Kollege will dem Mann nur einen Cent geben. Wißner, der freudig zustimmt, künftig mit vollem Namen genannt zu werden, ist gerade vom Landgericht zu einer Haftstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt worden. Doch bis er ins Gefängnis einrücken muss, ist er ein freier Mann. Der 48-Jährige genießt seinen Auftritt sichtlich und fragt eine Reporterin: ,,Wollen Sie mit mir bis Sonntag nach Mallorca fliegen?“ Offensichtlich sein nächstes Ziel.

Wißner hatte sich als Clown verkleidet und unter anderem in Uelzens Fußgängerzone Passanten um Spenden für den Verein „Kinder in Not“ gebeten. Er hatte bei mindestens 670 Sammlungen bis zu zwölf ,,Werber“ im Einsatz. Dabei sollen laut Gericht Beträge im ,,tiefen sechsstelligen Bereich“ zusammengekommen sein. Ein Teil landete bei den Sammler, der große Rest bei Wißner. Bei Hilfsorganisationen landeten gerade mal 8000 Euro.

Angeklagt war ein Zeitraum von November 2007 bis Oktober 2008. Auch danach machte der Bardowicker weiter, Oberstaatsanwalt Heinrich Dresselhaus hatte Unterlagen für eine zweite Anklage bereits auf dem Schreibtisch. Doch diese Fälle werden voraussichtlich eingestellt. Wißner muss dafür das Urteil annehmen.

Seine Komplizin, Cornelia D., kam glimpflich davon, sie wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt, die die 2. große Hilfsstrafkammer auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt hat. Vorsitzender Axel Knaack und seine Kollegen hielten der 30-Jährigen zugute, dass Wißner sie in die Sache reingezogen habe und sie von allein ausstieg. Allerdings hätte sie im Nu darauf stoßen können, dass es nicht darum ging zu helfen, sondern sich ein angenehmes Leben zu finanzieren, sagte der Vorsitzende. So sei der Verein lediglich zum Schein gegründet worden, es habe nicht einmal eine Gründungsversammlung gegeben. Auch Kassenprüfer und Revisoren habe Wißner nie Unterlagen prüfen lassen.

Während Cornelia D. in 34 Fällen wegen Untreue verurteilt wurde, waren es bei Wißner 40. Mit dem Untreuevorwurf ging die Staatsanwaltschaft einen Umweg, sie hätte sonst Tausende Spender aus den Fußgängerzonen befragen müssen, ob sie sich betrogen gefühlt hätten. So haben Wißner und seine ehemalige Lebensgefährtin quasi den eigenen Verein hintergangen: Denn sie haben das Geld eben nicht einem guten Zweck zugeführt, sondern das Geld für teure Autos, Urlaube und Zockereien im Internet veruntreut.

Die Kammer setzte den Haftbefehl gegen Wißner außer Kraft, daher kam er aus der Untersuchungshaft frei, die auch wegen Fluchtgefahr angeordnet worden war. Obendrein schenkten die Richter dem Mann, der auch wegen verschiedener Betrügereien unter anderem mit Todesanzeigen bereits im Knast saß, ein halbes Jahr Haft – weil das Gericht überlastet war, habe es zu lange gedauert, bis der Prozess startete, Wißner muss für vier statt viereinhalb Jahren hinter Gitter – nach dem Malle-Urlaub...

Von Carlo Eggeling

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