„Schätze oder verlorene Plätze?“ – Suderburgs ältestes Gasthaus / Geschichte reicht bis 17. Jahrhundert

Teil 6: Chroniken eines Krugs

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Es ist Suderburgs ältestes Haus – und die Fachwerkfassade ist in Teilen noch erhalten, wie Horst Löbert zeigt. Von der ersten Stunde an wurden im Gebäude Gäste bewirtet.

Suderburg. Die beiden Frauen trennen gut 330 Jahre. Aber sie sind vom gleichen Schlag. Aufgeben? Nein. So schließt einem Anneliese Müller die Tür zur Gaststube auf. Auch mit 82 Jahren bewirtet sie im Gasthaus Spiller in Suderburg die Gäste.

Nach dem Tod ihres Mannes führte sie die Geschäfte weiter – wie Anna Schmidt im 17. Jahrhundert an gleicher Stelle. So lange reicht nämlich die Geschichte eines Ausschanks an der heutigen Suderburger Hauptstraße zurück. Und das Außergewöhnliche: Das erste Gasthaus von 1681, es steht noch immer.

Zur Hardau gelegen ist sogar in Teilen noch die ursprüngliche Fachwerk-Fassade erhalten. Und im Inneren knarzen die alten Dielen unter den Füßen. „Klein geschnittenes Stroh wurde hier verteilt, so ließ es sich besser tanzen“, schildert Horst Löbert. Der frühere Leiter des Hösseringer Museumsdorfes ist begeistert, dass das Haus all die Jahrhunderte überdauert hat.

Auch mit 82 Jahren ist Anneliese Müller für ihre Gäste im Einsatz. Sie führt das Haus wie viele Generationen von Wirten vor ihr.

Selbst der kleine Schankraum kann noch betreten werden. Die Türen und ihre Beschläge: Originale, befindet Löbert. „Wir haben zugesehen, dass immer das Dach dicht ist“, sagt Anneliese Müller. Der historische Bau befindet sich nur wenige Meter entfernt vom Gebäude, das die Suderburger als Gasthaus Spiller kennen und das gegen Ende des 19. Jahrhunderts, gegen 1880, entstanden ist. Der ursprüngliche Krug ist 200 Jahre älter.

Aus Chroniken und Forschungsarbeiten lässt sich etwas über Entstehung und Geschichte des Ausschanks zusammentragen. Und es gibt ja auch noch Anneliese Müller, die Einiges zu berichten weiß. Als junge Frau habe sie in der Küche des Gasthauses Spiller beim Zubereiten der Speisen für die Gäste von ihrer Schwiegermutter die alten Geschichten erzählt bekommen.

Suderburgs Vogt Hans Schmidt errichtet das einstöckige Haus 1681 – und besitzt von der ersten Stunde an eine Konzession für einen Ausschank. „Gasthäuser standen unter Aufsicht“, so Horst Löbert. Sichergestellt werden sollte, dass Abgaben bezahlt werden und nicht aller Orten Krüge gefüllt werden. Für den Suderburger Raum sind gleich mehrere Jahrhunderte alte Gaststätten bekannt. Die Celler Heerstraße, eine wichtige Verbindung von Mecklenburg nach Celle, verlief durch den Ort. 1504 wird sie erstmals schriftlich erwähnt. Klar ist auch: Später diente sie als Postroute.

Neben durstigen Ortsbewohnern kehren also auch ziehende Handwerker, reisende Kaufleute und Adlige auf ihren Wegen von A nach B in diesen Gaststätten ein. Sie sind eine sichere Einnahmequelle. Erst recht, wenns im Leben schwierig wird.

1698 stirbt Hans Schmidt. Seiner Frau Anna hinterlässt er kaum Ackerflächen, mit denen sich der Lebensunterhalt bestreiten ließe. Und die Ausschank-Konzession ist mit dem Tod erloschen. Die Witwe versucht, eine neue Erlaubnis zu bekommen – vergeblich! Aber aufgeben? In der Gaststube schenkt sie erst mal weiter Bier aus.

Anneliese Müller hat sich gut 330 Jahre später ein schattiges Plätzchen gesucht, nur Steinwürfe entfernt das heutige Gasthaus Spiller und der historische Bau, der heute als Lagerstätte dient. In den Händen hält sie einen Bilderrahmen mit Fotos: Sie erzählen von Generationen von Wirten.

Nur wenige Meter vom alten Gasthaus, das auch als Rittmeisterhof bekannt war, entstand der Neubau, den die Suderburger heute als Gasthaus Spiller kennen.

Über lange Zeit seien Gasthäuser Kommunikationszentren gewesen, schildert Horst Löbert. Beim Bier wurden die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt die Ära der Vereine, die große Säle für ihre Versammlungen benötigen. Und nach dem Zweiten Weltkrieg werden zur Zerstreuung Gaststuben zu Kinosälen umfunktioniert. Gasthäuser waren stets gefragt.

So wechseln zwar die Eigentümer an der Suderburger Hauptstraße – dort wird bis heute aber eine Gastwirtschaft betrieben. Das Haus von 1681 trägt über eine Zeit auch den Namen „Rittmeisterhof“ – nach einem späteren Besitzer Dietrich Wilhelm Meyer, der Rittmeister ist. 1816 kauft das Haus Ernst Spindler – auf den der Name „Spiller“ zurückgeht. Er verkauft das Haus schließlich in den 1830er-Jahren an Johann Christoph Müller.

Ein Betrieb der Familie Müller ist das Gasthaus bis heute – eben mit dem Neubau, in dem auch ein Paar Gästezimmer zu finden sind. Professoren der Hochschule logieren hier. Feiern werden ausgerichtet. Horst Löbert: „Anneliese Müller ist eine Institution in Suderburg.“

Ob sie nicht ans Aufhören denkt? „Ich habe gutes Personal“, sagt Müller. Das sei entscheidend. Wenn ihre wichtigste Kraft in Rente gehe – ja, dann werde sie die Wirtschaft wohl aufgeben. Und ein Nachfolger? „Schwierig, wer geht heute noch aus?“ – die Gesellschaft habe sich verändert, sagt die Gastwirtin.

337 Jahre Ausschank an der Suderburger Hauptstraße – und (k)ein Ende?

Von Norman Reuter

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Auf einen Blick

Das alte Gasthaus / „Rittmeisterhof“

Geschichte: Erbaut 1681 von Hans Schmidt. Nach dessen Tod schenkt die Ehefrau weiter Bier aus. In den folgenden 100 Jahren ist der Hof im Besitz verschiedener Offiziere – nachfolgende Generationen des Erbauers. Zu den Eigentümern zählt auch Rittmeister Dietrich Wilhelm Meyer, nach dem das Haus „Rittmeisterhof“ genannt wird. 1816 wird das Haus an Ernst Spindler und in den 1830er-Jahren an Johann Christoph Müller verkauft. Noch heute ist das Haus in Besitz der Familie Müller. Es dient inzwischen als Lagerstätte.

Anneliese Müller führt heute das Gasthaus Spiller an der Suderburger Hauptstraße, sie weiß über die Geschichte ihrer Familie und des Ausschanks viel zu berichten. Wichtig bei einem Ausflug: Das Gebäude befindet sich in Privatbesitz, die Eigentumsverhältnisse sind zu beachten.

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