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Chris* aus Uelzen nimmt die AZ mit auf die Reise weg von der Cannabis-Sucht

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Von: Lars Becker

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Sandra Katheininger und ihr Klient Chris
Sandra Katheininger vor dem Haus der Diakonie mit ihrem Klienten Chris. Seit mehr als neun Monaten begleitet sie den 19-Jährigen, der mit 13 ans Kiffen kam und nun ab Januar für sechs Monate in Langzeittherapie geht. © Becker

Der 19-Jährige hat eine im negativen Sinne eindrucksvolle Drogenkarriere hinter sich. Vor allem aber ist er das Paradebeispiel dafür, dass es auch einen Weg heraus aus der Abhängigkeit gibt. Davon hat er der AZ jetzt an einem Nachmittag im Haus der Diakonie erzählt.

Uelzen - Nein, um Uelzen schlagen die Drogendealer dieser Welt keinen weiten Bogen. Hier leben Suchtkranke, die ihren Stoff benötigen, den Kick, den Rausch. Und es gibt eben Menschen, die diese lukrative Nachfrage bedienen. „Hier ist alles zu kriegen. Man muss diese Leute nicht mal kennen. Es gibt so ein, zwei Orte. Da gehst du hin und sagst: ,Ich hab 20 Euro, ich brauche dringend was.‘ Dann wird dir Ecstasy, Gras, Speed und Shore, also rauchbares Heroin, angeboten.“ Das sagt Chris*.

Zum Haus der Diakonie kommt Chris* seit rund neun Monaten. Mehr als 30 Gespräche hat er mit Sandra Katheininger geführt. Die Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin ist das personifizierte Herzstück des Projektes „Streetwork und Suchtprävention“ der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention (Drobs), das sich an Jugendliche und junge Erwachsene in Uelzen richtet.

Zugegeben: Freiwillig ist Chris* nicht gekommen. „Es gab öfter mal Probleme mit der Polizei. Es gab ein paar Verfahren vor Gericht bezüglich Besitz von Cannabis und auch Handel mit Cannabis. Mir wurden fünf Gespräche mit einer Drogenberaterin auferlegt. Ich hatte keinen Bock dazu“, sagt der junge Mann. „Als ich zu den ersten Gesprächen gekommen bin, war ich wahrscheinlich sogar high – ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls hatte ich keine Motivation, etwas zu ändern, auch wenn ich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte.“

Mit 13 Jahren kifft Chris* zum ersten Mal. „Es gab die Gelegenheit – auf einer Feier um die Ecke. Es hat viel Spaß gemacht – vielleicht zu viel. Von dem Moment an war ich motiviert, damit weiterzumachen“, erzählt er. Erst konsumiert er alle paar Wochen. „Aber es hat sich immer mehr in mein Leben geschlichen. Nach einem Jahr war es jede Woche, nach zwei, drei Jahren wurde es täglich. Jeden Tag zwei bis drei Gramm. Irgendwann hat sich auch die Freundschaft nur noch um den Konsum gedreht. Wenn das Gras leer war, sind alle nach Hause gegangen, nach acht Stunden. Täglich. Dass mir aufgefallen ist, dass ich süchtig bin, das kam erst sehr spät. Irgendwann hat es keinen Spaß mehr gemacht. Ich habe nur gekauft und geraucht, weil ich es brauchte. Da war keine Euphorie, nur noch Suchtdruck.“ Zwischendurch nimmt er auch noch Amphetamine, Kokain, Ecstasy sowie bestimmte Medikamente zu sich.

Erst finanziert Chris* die Abhängigkeit über das Taschengeld. Oder er verkauft Kleinigkeiten. Irgendwann wird er „angeworben“ und verkauft Drogen weiter. Als 16-Jähriger. „Man begibt sich in die kriminelle Welt. Es geht schnell, fünf oder zehn Gramm kriegt man innerhalb von zwei Stunden weg, wenn man die richtigen Leute kennt. Es ist sehr attraktiv – bis es vor Gericht geht.“

Da wissen auch seine Eltern, sein Bruder und seine Schwester längst Bescheid. Irgendwann riecht die Mutter den Braten im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt Streit, Vorwürfe. „Aber irgendwann haben sie akzeptiert, dass sie ein süchtiges Kind haben. Meine Familie steht voll hinter mir. Ich bin in richtig gutem Kontakt. Wir verstehen uns seit einer gewissen Zeit wieder super. Es ist wie im Bilderbuch, würde ich sagen. Es gibt keine Verurteilung, auch nicht bei meinem Rückfall. Ich musste mich dafür nicht schämen, hab ich natürlich trotzdem.“

In seinen Gesprächen mit Sandra Katheininger merkt Chris*, dass er den Absprung schaffen kann. Er stimmt einer stationären Entgiftung in der Psychiatrischen Klinik Uelzen (PKU) zu. Drei Wochen dauert der Entzug. Der junge Mann löst sich von falschen Freunden, bleibt vier Monate lang clean. Dann geht es ihm seelisch nicht gut, er wird anfällig für einen Rückfall. „Es war mir egal, ich habe wieder zum Gras gegriffen. Dann war es wieder drin im Kopf. Ich hatte zwar gemerkt, dass ich nicht kiffen will, aber es gab immer mehr Gelegenheiten, wo es schwer war, Nein zu sagen. Nach einem Monat war ich wieder täglicher Konsument“, schildert Chris*.

Neben seinen Eltern bleibt aber auch Sandra Katheininger an seiner Seite. In jeder Krisensituation kann er sie kontaktieren – über Whatsapp. Wieder geht er für vier Wochen in die Entgiftung. Und er schafft es: Bis heute gibt es keinen weiteren Rückfall. In dreieinhalb Wochen geht es zur Langzeittherapie ins Hochsauerland. Sechs Monate weg aus Uelzen. Sechs Monate Arbeit an sich selbst – allein und in der Gruppe. Das war erst keine Option. Längst weiß Chris*: Es ist für ihn das richtige Mittel.

Eine erste Ausbildung hat er abgebrochen. Sein Plan ist jetzt, das Abitur nachzuholen und Sozialpädagogik zu studieren. „Ich denke, da liegen meine Stärken. Vielleicht sitze ich ja mal da auf dem Stuhl und berate Jugendliche“, sagt Chris* und schaut zu seiner Therapeutin. „Das fänd‘ ich super“, sagt die – im vollen Vertrauen darauf, dass ihr Klient das Zeug dazu hat. Er wirkt deutlich reifer als seine 19 Jahre, wenn er sagt: „Ich habe das hier als Riesengelegenheit gesehen, als das Beste, was mir in meiner Suchtkarriere passieren konnte. Sandra hat zugehört, versteht mich. Ihr kann ich vertrauen. Mir ist sofort aufgefallen, dass Sandra motiviert war, mir zu helfen.“

Seit etwas mehr als zweieinhalb Jahren ist Sandra Katheininger nun auf den Straßen in Uelzen, aber auch in den Schulen oder im Jugendzentrum Baxx zur Prävention präsent. In dieser Zeit hat sie exakt 102 Klienten im Alter von 14 bis 27 Jahren betreut. 84 von ihnen waren Cannabis-Konsumenten, davon kamen 33 durch Gerichtsauflagen zu ihr. Zwölf wurden in Langzeittherapien vermittelt, weitere schafften den Absprung auf anderem Weg.

Christiane Steckelberg, die die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention leitet, weiß um die Besonderheit des Projekts: „Die Jugend muss im schnellen Kontakt sein. Es gab vorher nichts Vergleichbares. Die Angebote reichten nicht. Wir brauchten für die Zielgruppe etwas anderes. Sandra Katheininger hat aus dem Bedarf etwas entwickelt und mit ganz viel Inhalt gefüllt. Darauf dürfen wir stolz sein. Ich wünsche mir, dass sich aus dem Projekt auch noch eine Selbsthilfegruppe entwickelt.“

Dass die Legalisierung von Cannabis ernsthaft diskutiert wird, versteht Chris* heute rückblickend nicht. „Früher hätte ich mich sehr gefreut. Heute habe ich Angst davor und mache mir viele Gedanken, was sich dann ändert. Es wird immer noch viel gekifft, aber es gibt dann keine Prozesse mehr – und keine Auflagengespräche.“ Sandra Katheininger pflichtet ihm bei: „Warum legalisieren wir etwas, was nachweislich schädigt?“ Und Christiane Steckelberg fügt hinzu: „Wir wissen, dass Cannabis schädlich ist und dass bei Über-30-Jährigen, die Psychosen entwickeln, in der Kindheit Cannabis eine Rolle gespielt hat.“

Chris* weiß, dass vor ihm die nächste hohe Hürde liegt. Die will er meistern. Er will dauerhaft weg vom Kiffen. Ob es klappt? Darüber wird er in unregelmäßigen Abständen aus der Langzeit-Therapie berichten. Über das Angebot der AZ muss er nicht lange nachdenken: „Klingt spannend!“ Sandra Katheininger ahnt: „Das kann für dich eine coole Reflexion sein.“ Oder gar der Start in Richtung Studium. Wenn Chris* durchhält. Und wenn er weiterhin Rückendeckung erfährt. * Name geändert

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