„Der Engel von Uelzen“

Bridget Stevenson leitete Kinderbetreuung im Bohldamm-Flüchtlingslager

Bridget Stevenson (2. v. l.) vor dem Büro an der Luisenstraße in Uelzen. Ganz rechts ist ihr Schäferhund Lucky zu sehen. Das Foto entstand in den 1950er Jahren. Foto: Stadtarchiv Uelzen/Hölscher
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Bridget Stevenson (2. v. l.) vor dem Büro an der Luisenstraße in Uelzen. Ganz rechts ist ihr Schäferhund Lucky zu sehen. Das Foto entstand in den 1950er Jahren.

Uelzen – Eine wichtige Rolle spielten während der Zeit des Uelzener Flüchtlingslagers am Bohldamm von Dezember 1945 bis Ende März 1963 auch internationale Hilfsorganisationen.

Christine Haupt, Zeitzeugin

Die englische Kinderhilfsorganisation „Save the Children“ war von 1946 bis 1960 in Uelzen sehr präsent, deren Leitung Bridget Stevenson hatte. Mit großem Engagement setzte sich „Der Engel von Uelzen“, wie die Engländerin damals liebevoll genannt wurde, für das Wohl der vielen Flüchtlingskinder ein. „Save the Children“ wird im Jahr 2019 100 Jahre alt, sodass die AZ zurückblickt auf die Zeit der 18 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Miss Stevenson ging bei meinen Eltern ein und aus“, erinnert sich Christine Haupt, die im Alter von heute 99 Jahren nach wie vor in Uelzen lebt. Sie selbst arbeitete später im Flüchtlingslager. Als Tochter einer englischen Mutter spricht sie Deutsch und Englisch fließend und half bei Problemen als Dolmetscherin. Außerdem schmeckte ihr die Milchsuppe am Bohldamm. „Miss Stevenson war so hilfsbereit und sehr intelligent“, sagt Christine Haupt, die heute über vier Kinder, sieben Enkel und fünf Urenkel hat.

Stevenson, die meist Rock und Uniform-Jacke trug und ihren Schäferhund Lucky an ihrer Seite hatte, leitete am Bohldamm die Kleiderkammer, suchte sich Sponsoren, organisierte Schulspeisungen sowie Ausflüge für Kinder ans Meer, in die Umgebung sowie sogar nach Colchester/England. Sie rief einen Kindergarten in Uelzens ins Leben und hatte ihr Büro an der Luisenstraße. 1950 bekam sie in der Uhlenköperstadt Besuch von der indischen Vizekönigin, Lady Mountbatten, die ihre Arbeit unterstützte.

Ins Bohldamm-Lager kamen in den ersten Jahren bis zu 6000 neue Flüchtlinge täglich, darunter auch viele Kinder. Bis Ende März 1963 wurden mehr als zwei Millionen Vertriebene und Flüchtlinge in der „Barackenstadt“ gezählt. Haupts Kontakt zu Stevenson hielt auch, nachdem sie im Jahr 1960 nach Agadir/Marokko weitergezogen war. Die Engländerin kümmerte sich auch dort um das Wohl der Kinder nach einem schweren Erdbeben.

Sie vermittelte Haupt den Kontakt zu einem jungen Waisen, als sie die Helferin in Marokko besuchte. Daraus folgte eine langjährige Patenschaft für den Marokkaner, der Haupt auch mehrere Male selbst in Uelzen besuchte. Stevenson wurde in den britischen Adelsstand erhoben und erhielt im Jahr 1963 den höchsten Orden der Bundesrepublik Deutschland, den Verdienstorden erster Klasse. 1985 verstarb sie schließlich in London.

VON TIMO HÖLSCHER

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