Brandreste als entscheidende Spur

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Stadtarchäologe Fred Mahler hat mit seinem Team im Boden des Alten Rathauses gegraben und dabei spannende Dinge entdeckt – zum Beispiel Hinweise auf den Brand von 1315.

Uelzen - Von Bernd Schossadowski. Sie ist weiß mit hellblauem Muster und lediglich zwei mal drei Zentimeter groß: Die holländische Keramikscherbe aus dem frühen 17. Jahrhundert, die Uelzens Stadtarchäologe Fred Mahler jetzt bei Grabungen im Boden des Alten Rathauses entdeckt hat, liefert ihm überraschende historische Erkenntnisse. Zum einen beweist das briefmarkengroße Bruchstück, dass die Delfter Kacheln damals auch in Uelzen bekannt und beliebt waren. Zum anderen kann Mahler jetzt die Erdschichten in dem denkmalgeschützten Gebäude genau datieren.

„Wir können hier ein schönes Stück Stadtgeschichte ausgraben“, sagt der 52-Jährige. Doch das ist nicht der einzige spannende Fund, den Mahler und seine drei ehrenamtlichen Helfer – neben Ehefrau Elisabeth auch Jutta Landefeld und Peter Reimann – im Erdreich des Baus an der Veerßer Straße gemacht haben. Besonders aufschlussreich ist eine Schicht aus gebranntem Lehm, auf dem Ruten- und Zweig-Abdrücke zu erkennen sind – ein deutlicher Hinweis auf ein Feuer in dem Gebäude.

„Das ist neu und sehr wichtig, weil es bedeutet, dass hier mit großer Wahrscheinlichkeit mal ein Fachwerkhaus gestanden haben muss“, freut sich Mahler über die Entdeckung in mehr als einem Meter Tiefe. Zudem bestätigen die eingebrannten Spuren im Lehm seiner Ansicht nach eine schriftliche Quelle, die von einem Brand in dem Vorgängerbau im Jahr 1315 berichtet.

Das nachfolgende Gebäude wurde 1347 vermutlich aus Stein errichtet, erklärt Mahler. Dagegen war die Fläche, auf dem sich heute das Alte Rathaus befindet, um 1250 wohl noch unbebaut. Auch das ist eine neue Erkenntnis, die Mahler anhand der Beschaffenheit der Erdschichten gewonnen hat.

Das Archäologie-Quartett entdeckte aber noch weitere „kleine Schätze“, wie Mahler sie liebevoll nennt. Dabei handelt es sich um Keramik-Fragmente, die weit ins 13. Jahrhundert – der Zeit der Uelzener Stadtgründung – reichen. Auch Reste eines Fußbodens, die etwa von 1800 stammen, kamen bei den Grabungen ans Tageslicht. „Die würden in die Zeit des Rathaus-Umbaus passen“, erklärt Mahler. Vor allem lassen die Funde erkennen, dass der Bodenhorizont in Uelzen während des Mittelalters deutlich niedriger als in der heutigen Zeit lag. Darauf bildete sich im Verlauf der Jahrhunderte die von Menschen geschaffene Kulturschicht.

Auch über einen weiteren Fund gerät Mahler ins Schwärmen: eine Handvoll verkohlter Getreidekörner aus der Erdschicht von 1315. Diese werden nun in einem Labor untersucht und können Aufschluss geben, welche Nutzpflanzen seinerzeit in Uelzen angebaut wurden. „Die Körner sind aufregender als manche Scherbe“, verrät Mahler mit leuchtenden Augen.

Er blickt auch der geplanten Untersuchung der schweren Holzständer im Erdgeschoss des Alten Rathauses gespannt entgegen. Anhand der Jahresringe lässt sich nämlich das genaue Alter der Balken bestimmen. Schon jetzt ist sich Mahler ziemlich sicher: „Das untere Geschoss war früher eine durchgehende große Halle.“

Für ihn sind die archäologischen Untersuchungen ein spannender Ausflug in Uelzens Vergangenheit. „Die Chance, in einem historischen Rathaus zu graben, hat man nur selten. Dieser Bau ist stadtgeschichtlich ein zentraler Ort“, weiß er. Möglich geworden sind die Arbeiten, weil das Gebäude zum neuen Domizil der Kreisvolkshochschule umgebaut werden soll und dazu vollständig entkernt wurde (AZ berichtete).

Mahlers Fazit der bisherigen Grabungen fällt rundum positiv aus. „Wir haben schöne, deutliche Funde gemacht. Meine Hoffnungen haben sich erfüllt“, bilanziert er zufrieden.

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