VON WOCHE ZU WOCHE: Kommentar von AZ-Redakteur Norman Reuter zur Debatte um die "Rückkehr des Wolfes"

Es bleiben jetzt auch Menschen auf der Strecke

Von Behörden bekommen Wölfe Bezeichnungen verpasst, die aus einer Abfolge von Buchstaben und Zahlen bestehen. Andere geben ihnen Namen wie Kurti und Roddy. Das klingt dann possierlich.

Es wirkt aber angesichts dessen, was in Sachen „Rückkehr des Wolfes“ gerade zu erleben ist, völlig deplatziert. Aber allein schon an der Art, wie die Tiere bezeichnet werden, lässt sich ablesen, welche Spannweite es beim Thema gibt. Und es muss festgehalten werden: Inzwischen ist, wie auch hier schon einmal geschrieben wurde, in der Diskussion der Mensch dem Menschen zum Wolf geworden.

Erschreckend dabei: Immer wieder werden neue Eskalationsstufen erreicht – ein trauriger Höhepunkt bildet die nun zu Ende gehende Woche. „GW717m“, auch als „Roddy“ bekannt, soll erlegt werden. Das hat der Umweltminister Olaf Lies verfügt. Dem Wolfsrüden aus einem Rudel im Kreis Nienburg werden mehr als 40 Risse zugeordnet – darunter ein Alpaka, drei Ponys und zehn Rinder. Der „Freundeskreis freilebender Wölfe“ geht gegen das Ansinnen des Ministers juristisch vor. Und im Zuge der Diskussion sind Auswüchse zu erleben, die einen sprachlos machen.

Ein Wolfsberater aus dem Kreis Nienburg berichtet von Drohungen, Beleidigungen und Anfeindungen. Mag man das noch verstehen? Und in dieser aufgeheizten Stimmung werden publikumswirksam offene Briefe abgefasst. Von Wolfsberatern, die den Minister anzählen und von Schafzüchtern, die ihrerseits wiederum die besagten Verfasser des ersten Briefes angehen. Gefordert wird die Abberufung der Wolfsberater. Das alles ist unsäglich. Es bleiben jetzt auch Menschen auf der Strecke. Der Umweltminister ruft dazu auf, nicht weiter Öl ins Feuer zu gießen. Die Beteiligten sollten wieder „aufeinander zugehen“. Besänftigende Worte eines Politikers in einer verfahrenen Situation, die daraus resultiert, dass keine klare Linie gefahren wurde in einem Kosmos, in dem Artenschutz auf der einen Seite und die Sorgen der Menschen auf anderen Seite stehen. In dem seit Jahren bereits dieses Thema behandelt wird, ohne Aussicht auf Besserung. Es war ein provoziertes Verhängnis.

Es darf nicht verbal weiter aufgerüstet werden; hier ist dem Minister zuzustimmen. Und es sei angemerkt, dass sich in anstehenden Wahlkämpfen angesichts der aufgeheizten Situation flotte Sprüche in Sachen Wolf verbieten. Aber damit allein wird es nicht erledigt sein. Politik und Gesellschaft müssen eine klare Linie in Sachen Wolf finden, damit ein friedliches Miteinander möglich ist. Man mag sich sonst nicht ausmalen, welche Eskalationsstufen noch erreicht werden.

VON NORMAN REUTER

Rubriklistenbild: © dpa

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