An neun von 25 Grundschulstandorten im Landkreis werden weniger als 100 Schüler unterrichtet

Bildung an der Schmerzgrenze

+
Es wird nicht nur gemeinsam gespielt. In Soltendieck helfen sich die Schüler beim klassenübergreifenden Unterricht auch beim Lernen.

Uelzen/Soltendieck. Es ist das kleine Einmaleins der Schulpolitik in Niedersachsen: Wenn für zwölf Jungen und Mädchen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten die sächlichen und finanziellen Mittel für den Unterricht zur Verfügung gestellt werden können, erst dann ist von einer Schule zu sprechen. So steht es im Schulgesetz.

Und wenngleich diese gesetzliche „Schmerzgrenze“ bei keiner Uelzener Grundschule bislang erreicht ist, wurde seitens der Stadt in den vergangenen Wochen über die Schließung zweier Bildungseinrichtungen in Veerßen und Molzen debattiert. Anlass waren die Verhandlungen zum Zukunftsvertrag mit dem Land. Der Deal: Uelzen schnürt ein Sparpaket und bekommt dafür 28 Millionen Euro, um Schulden tilgen zu können. Zu den erarbeiteten Sparmöglichkeiten, die vor vier Wochen der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, gehörte das Aus der beiden Grundschulen. Proteste von Eltern, Schülern und Lehrer waren die Folge. Der Maßnahmenplan, der nun vom Verwaltungsausschuss beschlossen wurde und mit dem die Stadt in die Verhandlung mit dem Land gehen will, sieht vor, dass die Schullandschaft unangetastet bleibt. Erst einmal zumindest. Denn für die Zeit ab dem Schuljahr 2014/15 soll ein Konzept für die Grundschullandschaft Uelzen erarbeitet werden. Heißt: Die Zukunft der Schulen in der Stadt Uelzen bleibt Thema. Nicht zuletzt, weil die demografische Entwicklung im Land zur Folge hat, dass es immer weniger Schüler gibt.

Wurden im Land zum Schuljahr 2005/06 noch 86 809 Erstklässler eingeschult, werden es 2014/2015 nach Angaben des Kultusministeriums nur noch 70 950 sein. Die Stadt Uelzen und der Landkreis bleiben vom Schülerrückgang nicht verschont. Und: Schon jetzt werden an neun von insgesamt 25 Grundschulstandorten im Landkreis Uelzen weniger als 100 Schüler unterrichtet.

Träger der Grundschulen sind die Kommunen. „Sie haben für die Unterhaltung der Schulgebäude, die Ausstattung der Klassenräume und für das Arbeitsmaterial aufzukommen. Und es obliegt ihnen, zu entscheiden, ob eine Bildungseinrichtung Bestand haben soll oder nicht“, erklärt Corinna Fischer, Sprecherin des Kultusministeriums. Das Land, so erläutert sie weiter, zahle die Lehrer, deren Anzahl und Stellenkontingent sich nach der Schülerzahl richte. Der Schwarze Peter liegt damit bei den Gewählten der Städte und Samtgemeinden, die sich die Frage stellen müssen, ob angesichts der Entwicklung der Schülerzahlen und klammer Kassen die Bildungseinrichtungen in ihrer Trägerschaft weiter finanzierbar sind. Das trifft nicht nur auf die Stadt Uelzen mit ihren acht Grundschulen zu, sondern auch auf andere Gemeinden im Landkreis.

In Soltendieck wurde dem Gemeinderat in der vergangenen Woche die Beurteilung einer Lenkungsgruppe, die sich mit der Finanzierbarkeit der Schullandschaft in der Samtgemeinde beschäftigt, vorgestellt (AZ berichtete). Das Gremium spricht sich für eine Schließung der Grundschule aus.

Die Situation belastet Eltern und Schüler, wie die stellvertretende Elternsprecherin Heike Hillmer sagt. „Wir leben schon lange mit der drohenden Schulschließung, und unter diesem Stern ist ein Unterricht nicht leicht. Es wäre wichtig, dass nun Klarheit herrscht, dann könnte man sich auf die Situation einstellen“, sagt sie.

36 Jungen und Mädchen werden in Soltendieck unterrichtet, vier davon sind Erstklässler. Die geringe Zahl der Schüler bestimmt schon längst auch die Unterrichtsform. Denn zum Einmaleins der Schulpolitik im Land gehört auch, dass es mindestens 24 Schüler eines Jahrganges geben muss, damit nicht Klassen zusammengefasst werden. Das ist an der Soltendiecker Schule nicht der Fall, und so werden dort die erste und zweite Klasse sowie die dritte und vierte Klasse zusammen unterrichtet.

„Wobei wir versuchen, die Hauptfächer Deutsch und Mathe noch getrennt zu gestalten“, schildert Maren Mumm, Lehrerin in Soltendieck. Damit dies möglich sei, habe das Kollegium in diesem Jahr an einem ausgeklügelten Stundenplan gefeilt. Dass es einen klassenübergreifenden Unterricht an der Schule gibt, biete Vorteile für die Schüler, meint Maren Mumm. So würden die Schüler schnell lernen, sich gegenseitig zu helfen, sagt sie und schildert ein Beispiel, wie ein gemeinsamer Unterricht unterschiedlicher Klassenstufen in der Praxis aussieht: „Wir behandeln gerade das Thema Herbst. Und während die Erstklässler Bilder dazu malen, schreiben die Zweitklässler kleine Texte oder lesen den Erstklässlern sogar etwas vor“, so Maren Mumm. An der kleinen Schule herrsche zudem eine familiäre Atmosphäre.

Die kommissarische Schulleiterin Ursula Karfeld will Maren Mumm gar nicht widersprechen. Dennoch: Sie gibt zu bedenken, dass eine so kleine Schule auch Besonderheiten für die Schüler mit sich bringe. „Wo findet eine so kleine Gruppe von Erstklässlern Gleichgesinnte ihrem Altern?, fragt sie. Ein Jahr mache in diesem Alter noch einen Unterschied. Und wo sind die Zugpferde in einem Jahrgang?, fragt sie. Ursula Karfeld kann die Unterschiede von einer kleinen Schule zu einer größeren einschätzen. Sie ist gleichzeitig Schulleiterin an der Grundschule in Bad Bodenteich mit 127 Schülern und übernahm in Soltendieck kommissarisch die Schulleitung, als sich dort niemand für die Stelle fand.

In diesem Zusammenhang: Die Personalsituation richtet sich in Soltendieck auch nach der Anzahl der Schüler. Drei Lehrer werden vom Land beschäftigt, und die kommissarische Schulleiterin kommt zweimal in der Woche an Schule. Um die Betreuungspflicht bis zur 5. Stunde zu gewährleisten, hat das Land noch Mütter als pädagogische Mitarbeiter eingestellt. Die stellvertretende Elternvertreterin, Heike Hillmer, spricht von einem „kleinen System“, das durch Krankheit schnell mal „anfällig“ sei. Die engagierte Mutter, die auch Vorsitzende des Fördervereins der Schule ist, führt auch die sächliche Ausstattung und das kleine Budget an, das nur zur Verfügung stünde. Bringt der Unterricht an einer kleinen Dorfschule damit mehr Nachteile als Vorteile für die Schüler? „Nein“, sagt Hillmer, „so ist es nicht“. Sicherlich verfügten größere Schulen über eine bessere Ausstattung. Aber der Förderverein helfe, wo er könne und ermögliche auch Ausflüge und Veranstaltungen an der Schule. Die These, dass möglicherweise die Nachteile überwiegen, wollen auch Maren Mumm und Ursula Karfeld nicht gelten lassen. „Es gibt Vor- und Nachteile wie an jeder Schule“, sagen sie. Und die kommissarische Schulleiterin zitiert noch eine Mutter: „Sie meinte, dass sie nicht in Sorge sei, wenn die Schule womöglich im Ort geschlossen werde, denn die gute Qualität des Unterrichts in Soltendieck sei auch an anderen Schulen gewährleistet“. Ein Satz, der die Politiker der Kommune sicherlich hellhörig machen wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare