Bilder wie das Feuer

Bei der traditionellen Kranzniederlegung am Mahnmal neben dem Rathaus fanden die Pfadfinder berührende Worte. Sie ließen Zeitzeugen der Pogromnacht von 1938 zu Wort kommen und nannten die Namen der ermordeten jüdischen Bürger in Uelzen.

Uelzen - Von Barbara Kaiser. Deutscher Schicksalstag 9. November: Mit einer emotionalen Veranstaltung gedachten so viele Bürger wie lange nicht am Dienstagabend im Uelzener Ratssaal der Pogrome gegen die Juden 1938. Schon die Pfadfinder fanden bei der traditionellen Kranzniederlegung am Mahnmal berührende Worte, indem sie Zeitzeugen zu Wort kommen ließen, geschichtliche Ereignisse listeten und die Namen der ermordeten jüdischen Bürger in Uelzen nannten.

Zudem schlugen die jungen Leute den Bogen in die Gegenwart und erinnerten an 137 seit dem Jahr 1990 in Deutschland durch rechte Gewalt getötete Menschen. Wie äußern sich Rassismus und Ausgrenzung heute, fragten sie und gaben zu bedenken, dass laut einer Studie 72 Prozent der Deutschen der Aussage, es gebe zu viele Ausländer im Land, zustimmen. Antirassismus sei in der Alltagskultur zu etablieren, so der Aufruf, die Aufforderung, der Pfadfinder.

Im Ratssaal war danach Thomas Frankl aus Wien zu Gast. Der 76-Jährige ist der Sohn des Auschwitz-Überlebenden Adolf Frankl, geboren 1903 in Pressburg (Bratislava), gestorben 1983 in Wien. Die Stimme des Gastes zitterte manchmal, als er über das Schicksal seiner Familie, in der 80 Angehörige von den deutschen Faschisten ermordet wurden, erzählte. „Ich kann mich an alles genau erinnern“, sagte er, als er von seiner Verhaftung, der seiner Eltern und seiner Schwester am 29. September 1944 erzählte. Eine Frau habe damals aus dem Fenster geschrien: „So gebührt‘s denen!“ – die abgeführten Juden meinend.

Die Mutter mit den beiden Kindern entkommt der Deportation nach Auschwitz-Birkenau mit einer Lüge. Der Vater konnte das Vernichtungslager überleben. Die traumatischen Erlebnisse verarbeitete er in seinen Bildern, die Sohn Thomas heute in einer Galerie in Wien ausstellt und bereits in zahlreichen Orten Europas zeigte. Thomas Frankl erfüllt das Vermächtnis seines Vaters, der zum Hass unfähig blieb sein Leben lang und zu Toleranz aufrief.

Rund 260 Gemälde und 2000 Zeichnungen umfasst das Werk Adolf Frankls. Die Bilder brennen in den Farben des Feuers – der Verbrennungsöfen der Vernichtungslager. Die kräftige Palette habe die Betrachter irritiert, erklärt der Sohn, aber der Maler wollte es genau so.

Stilles Gedenken beschloss eine Veranstaltung, der andere junge Leute neben den Pfadfindern leider wieder fernblieben.

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