Flüchtlinge halten auf Fotos fest, was ihnen fremd ist

Projekt der Ostfalia Hochschule: Bilder eines „sonderbaren Landes“

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Bitte recht freundlich: Die Auslöser von Handy- und Digitalkameras lösen am Montag immer wieder aus. Mohammad Basel Alsmadi macht ein Selfie von sich und den drei Ostfalia Studenten Jan Calberlah (rechts), Elaine Elsner und Torben Stendel.

Uelzen. Was sind das für Tafeln? Awad Altaher Hamed aus dem Sudan ist vor den tönernen Reliefs an Uelzens Stadtmauer hinter der St. -Marien-Kirche stehengeblieben. Er betrachtet die Terrakotta-Friese, die der Uelzener Künstler Georg Lipinsky dort anbrachte.

Sie erzählen die Uhlenköper-Saga. Awad hat davon noch nie gehört. Er zückt sein Handy mit eingebauter Kamera. Das muss festgehalten werden. Und auch der fast 700 Jahre alte Kirchenbau wird fotografiert. In seiner Heimat, so sagt der Sudanese, schaue alles anders aus.

Was für die Uelzener Selbstverständlichkeiten sind, ist für Awad oft fremd. Bei einem Projekt der Ostfalia Hochschule Suderburg in Kooperation mit dem Uelzener Jugendmigrationsdienst können Flüchtlinge nun mit Fotos ausdrücken, in welchem „sonderbaren Land“, so formuliert es der Lehrbeauftragte Michael Koeppen, sie leben. Begleitet werden sie von Studenten der Sozialen Arbeit an der Ostfalia. Ein Großteil der Flüchtlinge, die bei dem Projekt mitmachen, seien selbst Studenten in ihrer Heimat gewesen, berichtet Annika Quednau, Leiterin des Jugendmigrationsdienstes. Wegen der Flucht hätten sie ihr Studium abgebrochen.

Die Studenten ziehen am vergangenen Montagnachmittag ein erstes Mal los. Kleingruppen haben sich gebildet. In Awads Gruppe ist auch Mohammad Basel Alsmadi aus Syrien. Vor fünf Monaten kam er nach Deutschland, kann sich schon gut auf deutsch ausdrücken. Aber etwas bereitet ihm dann doch Kopfzerbrechen: Was bedeutet das S mit einem Punkt oben drauf? So viel weiß er: Wo das Symbol zu sehen ist, ist eine Bank. Vom Begriff der „Sparkasse“ hat er bislang aber noch nicht gehört. Also: Erstmal ein Foto machen. Elaine Elsner, Torben Stendel und Jan Calberlah, die an der Hochschule in Suderburg „Soziale Arbeit“ studieren, begleiten Awad und Mohammad durch Uelzen , erklären diese und jene „Merkwürdigkeit“. Schnell wird klar. Es geht um mehr als um die Fotos, aus denen eine Ausstellung werden soll. Junge Menschen treffen junge Menschen. Sie erzählen sich von ihrem Leben. Es wird gelacht. Unbeschwerte Momente. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit im Leben der Flüchtlinge. Annika Quednau berichtete von Flüchtlingen, denen zurzeit die Decke auf den Kopf fällt, weil sie noch keinen Anschluss haben (AZ berichtete). Jede Abwechslung im Alltag wie das Fotoprojekt würden sie begrüßen, sagt Quednau.

Von Norman Reuter

In Uelzen: Flüchtlinge halten auf Fotos fest, was ihnen fremd ist

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