Auftritt im Neuen Schauspielhaus Uelzen

Betrachtungen des Lebens am Klavier

Christine Schütze ist grandiose Klavier-Virtuosin und überzeugt im Neuen Schauspielhaus mit Kabarett übers Altern und über perfekte Zeitgenossen. Foto: FRELS
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Christine Schütze ist grandiose Klavier-Virtuosin und überzeugt im Neuen Schauspielhaus mit Kabarett übers Altern und über perfekte Zeitgenossen.

Christine Schütze singt im Neuen Schauspielhaus vom Altern, über perfekte Männer und Frauen. Sie widmet sich den Dilemmata des Alltags und weiß im Plattdeutschen zu überzeugen. Das Publikum zeigt sich angetan.

VON FOLKERT FRELS

Uelzen – Es ist mal wieder eine dieser Veranstaltungen, bei der man sich wünscht, so könne es jetzt noch stundenlang weitergehen. Christine Schütze steht am Sonnabend im Neuen Schauspielhaus auf der Bühne, verbeugt sich, verlässt die Bühne, teilt den blauen Vorhang, der zur Garderobe führt, kommt wieder, verbeugt sich erneut – der Beifall will nicht enden.

Als zweite Zugabe hat sie gerade eben gemeinsam mit dem Publikum Leonard Cohens „Halleluja“ gesungen, davor das sentimentale, anrührende, an Tod und Trennung nach langer, zusammen verlebter Zeit gemahnende „Lied am Ende des Tages“, wenn einer geht. Zwei Stunden lang hat sie auf der kleinen Bühne ein wahres „Schützenfest“ gefeiert, hat gesungen von den Problemen des Alterns, obwohl es ja keine Alten mehr gibt. 70 ist das neue 60.

Da sagt sie ihren begeistert zuhörenden und häufig spontan applaudierenden Gästen nichts Neues, gehören die doch mehrheitlich zu dieser Gruppe. Es fehlt im Saal so ein klein bisschen die „Generation Maybe“, die „Gruppe der 20- bis 30-jährigen Berufseinsteiger“, für die sie stellvertretend das Lied von „Kai“ singt und spielt. Doch nicht nur diese Sich-nicht-entscheiden-Könner bekommen an diesem Abend ihr Fett weg. Bewundernswert, wie Christine Schütze die Themen wechselt, musikalische Brücken schlägt.

Da ist „Wonderwoman“, die morgens Tai Chi macht und zwölf Kilometer joggt, bevor sie ihrem Mann und den zwölf Kindern das Frühstück bereitet, natürlich mit eigenhändig geschnittenen Möhren. Mit „Der perfekte Mann“ folgt – sehr zur Freude der „Schwesterinnen und Schwestern“ im Saal – gleich darauf das Gegenstück.

Nicht nur mit dem Thermomix, mit „Wording“ und Alliterationen, auch im Plattdeutschen kennt sie sich aus, war bei der Niederdeutschen Dichtertagung in Bad Bevensen zu Gast. Seitdem hat sie Klaus Groths Gedicht von „Lütt Matten de Has“ im Programm und wundert sich – wie zuvor schon Manfred Brümmer in seiner von ihr vorgetragenen Betrachtung – darüber, wie hier in einem vielgesungenen Volkslied der Tod des kleinen, arglos-fidelen Hasen beschrieben wird: „Lütt Matten gev Pot/De Voss beet em dot/Un sett sik in Schatten/Verspis’ de lütt Matten“.

Schon als Kind hat Christine Schütze das Klavierspielen geliebt, hat ihr Musikstudium mit Spitzennoten absolviert, ist seitdem auf den internationalen Konzertbühnen zu Hause und heimste etliche Wettbewerbspreise ein. Seit mehr als 15 Jahren ist sie, die grandiose Klavier-Virtuosin – ohne jedoch die Klassik-Sparte zu vernachlässigen (gerade erst ist eine neue CD erschienen) – als Kabarettistin am Klavier unterwegs. Mit viel jugendlich-natürlichem Charme hält sie – mal spitzbübisch schmunzelnd, perlend lachend, mal mit Nachdenklichkeit in der Stimme – ihrem Publikum den Spiegel vor.

Mit ausdrucksvoller Stimme singt Christine Schütze – sich mit Verve am E-Piano begleitend – vom „Shoppen gegen den Kapitalismus“, beschreibt ihre Sicht auf die „Relativitätstheorie“, karikiert „Fideles Altern“. Ihre Texte sind teils boshaft à la Georg Kreisler, teils amüsante, die alltäglichen Dilemmata aufzeigenden Zustandsschilderungen.

Wie sie das mache, so gertenschlank zu bleiben, werde sie häufig gefragt: „Pilates“ ist die musikalische Antwort. Sie wird wiederkommen, verspricht Christine Schütze am Ende des Tages. Und das ist gut so.

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