ERINNERUNGEN AN HEUTE.

Besserwisser

Zugegeben – ich sitze bei nicht vielen Spielen der Fußball-Europameisterschaft vor dem Fernseher. Aber bei „unseren“ natürlich. Zugegeben, ich gucke auch nicht „unsere“ Spiele von Anfang an, sondern nehme mir nur die letzte halbe Stunde vor und das Mitfiebern reicht dann völlig. Mehr Fieber würde (mich) krank machen.

In eben diesen kurzen Zeiten aber fällt mir diese Gruppe von Besserwissern auf, die ich bisher übersah beziehungsweise überhörte. Die Sportkommentatoren.

„Neiiin, das hätte Mario Gomez…“, „Jaa, schon ganz schön, aber mit mehr Tempo hätte er viel mehr…“. „Ein lahmes Zwischenspiel, etwas mehr Tempo bitte…“, „Nein, das war zu heftig, zu unüberlegt…“

Ich solidarisiere mich mit allen Fußballspielern in den EM‘s, WM‘s, Champions-Leagues, den Landesligen, den Kreisligen und den Fuß-Ballern und Ballerinen in der Feuerwehr Allenbostels und außerhalb: Diese Besserwisser, die Missfallen und Kritik dieser Art äußern, sind dasselbe wie in meinem Beruf die Buchrezensenten, Musikkritiker, Theaterkritiker, Wissenschaftskritiker… Sie wissen einfach besser, wie man Bücher und Theaterstücke schreibt und spielt, Musik gestaltet, forscht oder eben Fußball spielt.

„Zwischen Verlegern/Lektoren und uns Autoren besteht ein naturgemäß gespanntes Verhältnis“ höre ich noch Heinrich Böll auf der Gründungsversammlung des Verbandes deutscher Schriftsteller 1971 in Stuttgart zu uns sagen und dies hat als Grund, dass die wenigsten Verleger oder Lektoren jemals ein eigenes Buch fertigbrachten. Eben deshalb wurden sie in einer gewissen Weise kritisch: Vom Ego ausgehend und immer besser wissend. Nicht alle. Aber viele. Es gibt sone und solche Kritiker. In und um Uelzen herum sind es sone Kritiker/Innen (die ich gerne lese).

Die solchen kritisiere ich, da werd ich scharf. Ich verreiße sie mit Lust.

Solche Fußballkritiker gibt’s auch in anderen als Künsten, die die Füße machen: Zum Beispiel sind da die Musikkritiker speziell für neue CDs. Sie sind wie etliche Literaturkritiker – da gibt’s nicht nur einen, sondern mehrere, die sich outeten und später beichteten, sie hätten nur das Cover oder den Waschzettel gelesen. Geschweige denn die CD ganz gehört oder das Buch wirklich gelesen. Die Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Werk ist das eine. Dass solche Kritiker heutzutage noch damit öffentlich kokettieren, ist das noch Schlimmere.

Von den Zeitungspolitikern (ich meine nicht seriöse Jounalisten) gar nicht erst anzufangen, die genau wissen, wie die Republik, die Eurozone, die ganze Welt gerettet werden können.

Pfui, diese Besserwisser, die ihre kleine Rolle am Rande der Fußballfelder aller Art mittels großer Medien missbrauchen!

Ach, ich liebe diese EM. Einige ihrer Sportreporter gibt mir die Chance, unerledigte Reste Kritikern gegenüber loszuwerden.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch im Internet unter az-online.de/kolumnen.

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