Dr. Ali Esber verfolgt die Entwicklung derzeit von Uelzen aus

„Beirut ist untergegangen“

Wie ist die Situation in seiner Heimat nach der verheerenden Explosion? Dr. Ali Esber verfolgt die Entwicklung derzeit von Uelzen aus.
+
Wie ist die Situation in seiner Heimat nach der verheerenden Explosion? Dr. Ali Esber verfolgt die Entwicklung derzeit von Uelzen aus.

Uelzen – Dr. Ali Esber ist in Beirut aufgewachsen. Unweit der libanesischen Hauptstadt führt er eine Schule. Seit Ende Juli weilt Esber in Uelzen. Über Bildschirme sieht er, wie die verheerende Explosion am Beiruter Hafen seine Heimat ins Chaos stürzt.

Die Lage am Wasser, die Landschaft, die Gebäude: Dr. Ali Esber nennt Beirut „eine der schönsten Städte der Welt“. Er ist in ihr aufgewachsen. Die Druckwelle der gewaltigen Explosion im Beiruter Hafen hat nun Häuser niedergerissen und Menschen unter Schutt begraben. Tausende sind verletzt worden. Mehr als 160 Tote sind zu beklagen. Esber sagt im AZ-Gespräch: „Beirut ist untergegangen.“

Esber führt eine Schule unweit der Hauptstadt. Menschen unterschiedlicher Religionen werden in ihr unterrichtet. Besonders für Jungen und Mädchen aus ärmeren Familien ist die „International Lessing School“ als Bildungsangebot gedacht. Die gute Nachricht: Die Schule blieb von der Detonation verschont. Das Leid der Libanesen, es trifft aber auch den 67-Jährigen.

Esber berichtet von einem Telefonat mit dem Vater einer seiner Schülerinnen. Dieser arbeitete im Hafen, von dem jetzt nur noch ein Krater übrig ist. Der Vater habe berichtet, er habe fünf seiner Kollegen bei der Explosion verloren. Nur weil er am besagten Tag frei hatte, habe er überlebt.

Solche Schicksale treiben Esber um. Er selbst hatte wenige Tage vor der Explosion den Libanon in Richtung Uelzen verlassen. Die Heide ist so etwas wie die zweite Heimat des promovierten Libanesen.

Als Student verbringt er Ende der 1970er ein Auslandsjahr in Lüneburg. Die Region und das Land fesseln ihn seinerzeit. Deutschland sei wie eine Geliebte, sagt Esber heute. Jährlich weilt er mit der Familie für einige Wochen in der Heide, besucht auch eine seiner drei Töchter, die in Wolfsburg lebt.

Nach ersten Erkenntnissen sollen fast 3000 Tonnen an Ammoniumnitrat, die seit Jahren im Beiruter Hafen lagerten, verantwortlich für die gewaltige Detonation sein. Esber sieht auf Aufnahmen, wie mit ihr das Land ins Chaos stürzt.

Die Explosion trifft den Libanon in einer ohnehin aufgeheizten Stimmung, weil die Menschen unter den Staatsschulden und der Corona-Pandemie ächzen. Unter anderem galten schon strikte Ausgangssperren wegen der Corona-Krise, was die finanzielle Lage der Libanesen verschlechterte. Auf die Explosion folgen in diesen Tagen mitunter gewaltsame Proteste der Menschen.

Die Libanesen hätten Jahre für ihre Eigenheime gespart, sagt Esber. Mit der Staatsverschuldung seien sie in finanzielle Nöte geraten, und wer jetzt die Detonation überlebt habe, besitze womöglich kein Dach mehr über dem Kopf. „Viele brechen in Tränen aus“, so Esber.

Die Bevölkerung helfe sich sehr. Es habe mit der Explosion eine Flucht aufs Land eingesetzt, „man kommt bei Verwandten unter“.

Was Esber Sorge bereitet, ist die Lage der Krankenhäuser. Sie hätten durch die Finanzkrise des Landes schon vorher Menschen wieder nach Hause geschickt, weil für Personal, Ausstattung und Behandlung das Geld fehlte. Jetzt seien Klinik-Gebäude durch die Druckwelle auch noch beschädigt worden.

Die Regierung steht im Fokus. Viele machen sie verantwortlich für die Explosion. Libanesen wie Esber stellen sich Fragen: War die Explosion ein Unfall? Wie verschiebt sich das Machtgefüge in der Region? Der Libanon grenzt an Syrien. Und der zerstörte Hafen in Beirut sei so wichtig wie „die Luft zum Atmen“ gewesen, sagt Esber.

Er und seine Familie werden Anfang September wieder in den Libanon fliegen. Es wird eine Rückkehr mit gemischten Gefühlen sein, wie Esber schildert. Was wird aus seiner Heimat? Die internationale Gemeinschaft hat Hilfen zugesagt. „Ein Trost ist das“, sagt Esber, weil der Wiederaufbau „die Kräfte des Libanon übersteigen“. Aber die Sorge der Bevölkerung sei, dass das zugesagte Geld eben nicht in der Bevölkerung ankomme. Er hofft, dass Beirut wieder das wird, was es war – eine der schönsten Städte der Welt. VON NORMAN REUTER

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare