Es sind Menschen wie Bernd...

Begegnung beim Sommerfest in der Obdachlosenunterkunft im Uelzener Böh

Bernds spärlich eingerichtetes Zimmer in der Obdachlosenunterkunft im Böh: Bis zum Winter will der 46-Jährige, der anonym bleiben möchte, „hier wieder weg sein“. 
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Bernds spärlich eingerichtetes Zimmer in der Obdachlosenunterkunft im Böh: Bis zum Winter will der 46-Jährige, der anonym bleiben möchte, „hier wieder weg sein“. 

Uelzen – Sommerfest in der Obdachlosenunterkunft im Böh. Sozialarbeiter Volker Jung steht am Grill, legt Würstchen und Steaks auf, die die Kirche gespendet hat. Zwei Frauen, gut gelaunt, bringen Salat. Die Stimmung ist herzlich.

Bernd sitzt auf der Bank, dreht sich eine Zigarette. Er wirkt aufgeschlossen und kann seine innere Verzweiflung doch nicht ganz verbergen. Bernd ist seit knapp zwei Wochen in der Unterkunft, nachdem er zwei Tage im Wald geschlafen und nichts gegessen hat.

„Mich will keiner mehr“

Wie geraten Menschen wie Bernd in eine solche Lage, an den Rand der Gesellschaft? Der 46-Jährige, der anonym bleiben möchte, ist zum ersten Mal im Obdachlosenheim. Optimal ist sein Leben allerdings nie verlaufen. Nach seiner Bäckerlehre arbeitete Bernd ein Jahr, schmiss dann aber „wegen Unstimmigkeiten mit dem Chef“ hin. Danach hat er noch kurz als Hausmeister bei der Kirche in einer anderen Stadt gearbeitet, es folgte die Arbeitslosigkeit.

Warum der gebürtige Uelzener nicht wieder zurück in seinen gelernten Beruf will? „Ich bin zu lange raus“, ist die Begründung des 46-Jährigen, „mich will keiner mehr“. Er hätte es auch als Hobbykoch versucht („Ich koche gern und gut“), aber auch da „kommt man nicht rein“.

Jetzt verlor Bernd seine Wohnung in Uelzen, lebte kurzzeitig bei einem Kumpel, aber da „ging das dann nicht mehr“. So flüchtete sich der Uelzener erst mal in den Wald. Nässe und Hunger hätten ihn dann dazu gebracht, bei der Stadt um ein Obdach in der Unterkunft im Böh nachzufragen. Warum ihm die Wohnung gekündigt wurde? Bernd zuckt mit den Schultern. „Weil ich nicht so funktioniert habe, wie mein Vermieter das wollte.“

„Bis zum Winter will ich hier weg sein“

Die Wohnung, mehr als 50 Quadratmeter, hatte ihm das Jobcenter bezahlt. „Die Wohnung war auch viel zu groß, ich habe gar nicht alle Räume bewohnt“, erzählt er. Seine Möbel seien noch dort.

Bernds Zimmer im Böh ist klein. Bett, kleiner Tisch, Stuhl – das ist alles. Über dem Bettrand hängt ein Handtuch zum Trocknen, auf der Erde liegen zwei Tüten mit Sachen. Mehr hat der 46-Jährige nicht.

Aber Bernd hat ein Ziel. „Bis zum Winter will ich hier weg sein.“ Erst mal müsste sein Handy wieder funktionieren, das wie eine Tasche mit Klamotten auch noch bei seinem Kumpel sei. Dreimal habe er eine falsche PIN in sein Handy eingegeben, sodass es gesperrt ist. „Ich muss es auch erst mal wieder aufladen“, sagt Bernd, „dann habe ich wieder Internet und kann mich um eine Wohnung in Uelzen oder in der Umgebung kümmern.“

Ein Sucht- beziehungsweise Alkoholproblem, so Bernd, habe er nicht. Ja, räumt er ein, er trinke schon mal ein Bier. Aber wenn er sich sage, dass er nichts trinkt, „dann mache ich das auch nicht“.

Bernd hat „ganz klar nicht vor, hier zu bleiben“. Zur Not müsse er seinen Vater um Hilfe bitten. Der wisse bisher nicht, dass sein Sohn in der Obdachlosenunterkunft ist.

Wie er sich dort fühlt? Bernd zuckt erneut mit den Schultern. „Wohler als im Wald, ich habe Bett, Tisch, Stuhl und ein Dach über dem Kopf, kann Wäsche waschen und duschen.“

Volker Jung grillt von der Kirche gespendete Würstchen und Steaks auf dem Hof der Obdachlosenunterkunft.

Um Menschen wie Bernd kümmern sich Sozialarbeiter wie Volker Jung, so weit das eben mit einer halben Stelle möglich ist. „Erst mal muss man Vertrauen aufbauen. Die erste Hürde ist, ins Gespräch zu kommen“, erzählt er und spricht von der Hemmschwelle, „sich zu offenbaren“. Volker Jung hilft den Obdachlosen, ihren Alltag zu bewältigen, den Hilfebedarf zu klären und gegebenenfalls weitere adäquate Hilfen zu organisieren.

Zentrales Ziel der Quartiersarbeit sei es, die Lebensqualität zu sichern und zu verbessern, die zu einem selbstbestimmten Leben befähigt. Angestrebt werde primär ein Leben im eigenen Wohnraum.

VON ULRIKE MEINEKE

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