Stulpe-Sammlung: Politiker der Stadt Uelzen vertreten verschiedene Positionen

Von Bauchweh und Verkauf

Uelzen. Sollen die Bilder der Sammlung von Wolfgang Stulpe in den Fluren des Uelzener Rathauses hängen bleiben oder nicht? Diese zentrale Frage steht seit einigen Tagen im Raum und wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert.

Während die einen sagen, dass man die Bilder als solche nicht mit der persönlichen Vergangenheit des ehemaligen Pädagogen und Ausstellungsleiters des Kunstvereins Uelzen verquicken dürfe, sagen die anderen, genau dies lasse sich nicht trennen. Und auch in der Stadtpolitik gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber.

„Es ist ein schwieriges Thema, das ist klar“, sagt Stefan Hüdepohl (CDU), Vorsitzender der CDU/Grünen/UWG-Mehrheitsgruppe im Stadtrat. Ihm falle es letzlich aber „schwer, die Sache zu beurteilen“ und überdies habe es ihn „überrascht, dass das Thema wieder so hochkocht“. Ob die Bilder im Uelzener Rathaus hängen sollen oder nicht, „das möge jeder für sich entscheiden“, sagt Hüdepohl. Er persönlich jedenfalls stellt fest, „das sind Bilder von Künstlern, die nicht Stulpe heißen. Und wenn es eine reine Sammlung war, dann gibt es da nichts Verwerfliches“.

Und überhaupt: „Der Bürgermeister hat im Rathaus Hausrecht“, so Hüdepohl, „und wenn er meint, die Bilder sollen da hängen, dann hängen die da.“ Wenn die Opfer Stulpes eine Aufarbeitung anstrebten, dann müsse das auf anderem Wege erfolgen. Wolfgang Stulpe war, wie berichtet, vor zehn Jahren der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen vorgeworfen worden; kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe hatte er sich das Leben genommen.

Mit einer politischen Stellungnahme zu diesem Thema tut sich Ralf Munstermann, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Stadtrat, etwas schwer. Denn er hält das Für oder Wider zum Bilderabhängen für „eine unpolitische Frage“.

„Das ist alles ein tragisches Schicksal“, sagt Munstermann, „aber ich werde der Letzte sein, der es wagen wird, sich da als Richter hinzustellen.“ Die Opfer seien ausdrücklich „zu bedauern“, betont Munstermann, „aber die Bilder können dafür gar nichts, sie gehören nicht mehr Herrn Stulpe. Ich sehe das alles unabhängig von den vermeintlichen Taten.“ Man müsse sich die Bilder ja auch nicht ansehen, so Munstermann. „Es gibt in diesem Falle wohl nicht die Wahrheit, jeder hat ein anderes Werte- und Normenverständnis.“

Ariane Schmäschke sieht das anders. „Ich habe mich ja schon vor zehn Jahren zu diesem Thema positioniert“, sagt sie gestern auf AZ-Nachfrage. Denn sie war es, die zu der Zeit im Namen der Grünen einen Antrag gestellt hatte, die Stulpe-Sammlung von den Rathaus-Wänden zu nehmen. „Damals fand sich dann eine Mehrheit, die Bilder hängen zu lassen, aber die Hinweise auf den Spender zu entfernen“, erinnert sie sich. Sie habe schon vor Jahren wegen der betroffenen Menschen in Uelzen „Bauchweh gehabt“ mit der Ausstellung. „Ich bin damals aber nicht durchgedrungen und glaube, dass ich auch jetzt nicht durchdringen werde“, so Schmäschke. Allerdings sei schon vor zehn Jahren, beim Aufhängen der Bilder, von Bürgermeister Otto Lukat versprochen worden, dass eine Dokumentation erstellt werde, „in der auf Licht und Schatten des Spenders hingewiesen werden sollte“, erinnert sich die grüne Ratsfrau.

„Ich habe nach wie vor Bauchweh“, gibt Ariane Schmäschke unumwunden zu, „aber ich weiß auch, dass man in dieser Sache heute nichts mehr wird aufklären können. Und die Menschen, die die Bilder gemalt haben, stehen nicht in direktem Zusammenhang mit Herrn Stulpe.“

Eine ganz klare Meinung hat derweil Joachim Delekat (UWG): „Die Bilder gehören abgehängt, da ich persönlich die Ausstellung aufgrund der tragischen Gesamtumstände für geschmacklich sehr grenzwertig halte“, stellt er auf AZ-Nachfrage „als UWG-Politiker, aber auch als Vater zweier Kinder und Dozent in der Jugendlichen- und Erwachsenenbildung“ fest, wie er betont. Auch wenn die Unschuldsvermutung gelte, sei die Indizienkette doch „sehr eng“.

„Hat sich jemand Gedanken gemacht, was ein etwaiges Opfer empfinden könnte, wenn es das öffentliche Rathaus als Bürger dieser Stadt betreten und diesen Namensgeber der Stiftung lesen muss und dann auch noch mit Aktbildern konfrontiert wird? Mein Rat wäre: Bilder versteigern und den Erlös einer karitativen Organisation zukommen lassen“, so Delekat.

Er finde eine öffentliche Diskussion gut, sie käme aber zu spät, meint der UWG-Ratsherr. „Ich kann mich auch nicht erinnern, dass ich als Ratsmitglied jemals dazu gefragt worden bin“, so Delekat. „Was ich nicht gut finde: dass wir hier über das Kunstinteresse einer vermutlichen Minderheit die Gazetten gefüllt bekommen. Wahrscheinlich treibt die Mehrheit der ganz normalen Uelzener Durchschnittsbürger ganz andere Sorgen.“

Burkhard Schorling (WIR für Uelzen) ist der gleichen Ansicht wie Delekat: „Ich bin der Meinung, dass die Bilder abgehängt werden sollten. Und zwar, weil sie im Zusammenhang mit dem Spender stehen“, sagt er. „Das ist schade für die Künstler und ihre Arbeit. Aber dem Spender wird durch die Ausstellung eine zweifelhafte Ehre zuteil.“

Er stehe einerseits „als Gönner da“, auf der anderen Seite gebe es „seine den Bürgern bekannte, krankhafte Neigung gegenüber Kindern“. Schorling: „Wenn es rechtlich möglich ist, sollte die Stadt Uelzen diese Sammlung verkaufen und den Erlös dem Kinderschutzbund spenden.“

Von Ines Bräutigam

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