Archäologe Mahler hat im Alten Rathaus bemerkenswerte Funde gemacht

Balken, Ruß und viele Rätsel

Stadt- und Kreisarchäologe Dr. Fred Mahler zeigt eines der Bohrlöcher im Alten Rathaus an der Veerßer Straße. Mit diesen Proben haben Experten im Labor das genaue Alter der Holzbalken in dem historischen Gebäude bestimmt. Fotos: Ph. Schulze

Uelzen. Er ist eine Art moderner Sherlock Holmes. Doch Stadt- und Kreisarchäologe Dr. Fred Mahler geht bei seinen Forschungen im Alten Rathaus an der Veerßer Straße nicht mit Lupe und Fingerabdruck-Pulver vor, sondern greift auf die Technik des 21.

Jahrhunderts zurück: Experten haben jetzt im Labor die 28 Bohrproben analysiert, die vor einigen Monaten aus den mittelalterlichen Holzbalken des denkmalgeschützten Gebäudes genommen wurden. Das Ergebnis ist verblüffend.

So hat die Untersuchung der Jahresringe ergeben, dass einer der mächtigen Ständer im Erdgeschoss von 1327 stammt. Für Mahler, der das Gebäude zusammen mit Dieter Haupt, Bauforscher der Arbeitsgemeinschaft Altstadt Wolfenbüttel, untersucht hat, ist das ein archäologischer Volltreffer. „Das ist der älteste noch existente hölzerne Baubefund in einem Haus in Uelzen“, berichtet er. Möglicherweise sei das ein Hinweis darauf, dass der 1326 abgebrannte Vorgängerbau des Rathauses schon ein Jahr später wieder neu errichtet wurde.

Und der Umbau geht weiter: Voraussichtlich ab Herbst soll das inzwischen vollständig entkernte Gebäude zum neuen Domizil der Kreisvolkshochschule umgestaltet werden (AZ berichtete). Zudem entsteht im Erdgeschoss ein Café mit Rösterei.

Bis dahin ist aber noch Zeit, die Mahler dazu nutzt, die Ergebnisse seiner Forschungen im Alten Rathaus zu präzisieren. Denn die Datierung des Holzständers ist nicht das einzige Geheimnis, dem der 53-Jährige auf die Spur gekommen ist. So sind beispielsweise Rußspuren an den Deckenbalken im Erdgeschoss erkennbar. „Wir vermuten, dass sich dort einst der Laborraum einer Apotheke befunden hat, in dem Medikamente durch Kochen hergestellt wurden“, erläutert der Archäologe. Verwundert ist er nur, dass es damals keinen Rauchabzug gab.

Ein weiteres Rätsel stellte sich den Forschern in Form eines ringförmigen Schachts im Erdreich. „Wir wissen noch nicht genau, was das ist“, sagt Mahler. „Es könnte ein alter Brunnen sein.“ Eindeutiger sind dagegen die Funde im ersten Stock des Rathauses. Dort hat Mahler eine historische Wandbemalung entdeckt. Das dunkelgrüne Ranken-Dekor ist etwa 300 Jahre alt.

Überdies teilte eine schräge Wand einst das gesamte Obergeschoss in zwei schiefe Hälften. Die mögliche Erklärung: Offenbar wollten die damaligen Bauherren ein Fenster auf einer Seite des Gebäudes noch einbeziehen. „Damals ging man eben ganz pragmatisch vor“, erklärt Mahler und lacht.

Dagegen waren die statischen Kenntnisse in früheren Jahrhunderten mangelhaft. So wurden nach 1650 mehrere Balken einfach aus bestehenden Konstruktionen entfernt und an anderer Stelle neu eingesetzt. „Nach heutigen Richtlinien hätte man dieses Gebäude nicht betreten dürfen, es hat aber locker die letzten Jahrhunderte gehalten“, schildert Mahler.

Seiner Ansicht nach haben sich die archäologischen Untersuchungen voll gelohnt. „Wir wissen jetzt erheblich mehr über dieses Rathaus als vorher“, freut er sich. Aus diesen Erkenntnissen will er zusammen mit Dieter Haupt die Baugeschichte des Gebäudes schriftlich zusammenfassen und veröffentlichen.

Trotzdem bleiben einige Rätsel ungelöst. Und so ist Mahler auch immer wieder verblüfft, was ihn in historischen Gebäuden erwartet: „Eine Hausuntersuchung ist eine Wundertüte, voller Überraschungen. Da gibt es viele Sachen, die sich logisch nicht erklären lassen.“

Von Bernd Schossadowski

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