Jugendamt rechnet mit mehr unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen / Neue Quotenregelung

„Auf einmal sind sie im Landkreis“

Uelzen. Eine Zugkontrolle, ein kurzer Anruf beim Jugendamt, Endstation in Uelzen: Manche von ihnen sind gerade einmal 14 Jahre alt, wenn sie sich mit einem Koffer, aber ohne Eltern auf den Weg an einen sichereren Ort machen.

„UMFs“, wie sie im Behördenjargon genannt werden, minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung.

Das Jugendamt Uelzen rechnet ab dem kommenden Jahr mit einer steigenden Zahl dieser jungen Menschen in Stadt und Landkreis. Amtsleiterin Brigitte Lindenthal informierte während der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses über Pläne des Familienministeriums, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge künftig – wie Erwachsene – über eine Quotenregelung bundesweit zu verteilen. Bisher gilt das Prinzip der Unterbringung am Ankunftsort.

Schon jetzt sei es alles andere als einfach, die Heranwachsenden in der Region unterzubringen, berichtet Lindenthal, weil die Einrichtungen nicht auf die Situation eingestellt seien. Drei bis vier Jugendliche betraf das in der Vergangenheit jährlich im Kreisgebiet, 2015 sind diese Zahlen bereits erreicht.

Zuständig für die Suche nach einer Unterkunft für die jungen Flüchtlinge ist das Jugendamt. Lindenthal: „Sie müssen entsprechend betreut werden. Wir können sie nicht einfach irgendwo allein sitzen lassen.“

Allein. Das sind die Betroffenen dann, wenn sie – wie in den meisten Fällen – auf der Flucht aus Ländern wie Afghanistan oder Syrien von der Bundespolizei aufgegriffen werden.

Doch so genau wüssten die Jugendamtsmitarbeiter zunächst oft gar nicht, wo die jungen Menschen herkommen, berichtet Lindenthal im AZ-Gespräch. „Auf einmal sind sie im Landkreis Uelzen“ – skeptisch gegenüber den vielen Fremden, denen sie sich im Idealfall auf Englisch mitteilen können, vielleicht aber auch nur mit Händen und Füßen. „Unter Umständen wollten sie ja auch gar nicht aufgegriffen werden“, sagt die Jugendamtsleiterin. „Sie hatten vielleicht andere Reiseziele – nicht unbedingt Uelzen.“

In der Regel seien es Jungen, die von ihren Familien in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft fortgeschickt werden, „am ehesten diejenigen, bei denen man davon ausgeht, dass sie es auch schaffen“. Schaffen wohin? Laut Lindenthal, zieht es sie häufig in die skandinavischen Länder. „Wir haben auch einen Teil von Minderjährigen, die auf einmal weg sind. Wir können sie ja nicht festbinden.“

Für das Jugendamt sei jeder Fall eine Herausforderung: Steht der Heranwachsende vor der Bürotür, wird für ihn schnellstmöglich ein Platz in einer Heimeinrichtung in der Region gesucht. Doch schon jetzt könne die Hauptaufnahmestelle in Norden niemanden mehr aufnehmen. „Da ist man heillos überfordert“, sagt Lindenthal. „Da tut sich nichts mehr.“

Zudem muss ein Vormund beantragt werden, in der Regel wird dann ein Asylantrag zur Klärung des Aufenthalts angestrebt. Einmal, erinnert sich Lindenthal, sei sogar eine Familienzusammenführung gelungen. Das Amt habe die Eltern in Deutschland ausfindig gemacht. Ein seltener Glücksfall.

Von Anna Petersen

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