AZ-Redakteurin Diane Baatani frischt gemeinsam mit AZ-Lesern ihr Erste-Hilfe-Wissen auf

Atmet sie oder atmet sie nicht?

Uelzen. Notfall in der Fußgängerzone: Eine Frau ist unglücklich gestürzt. Wie kann ich helfen? Den linken Arm ausstrecken, am rechten Arm ziehen und dann die Dame irgendwie auf die Seite rollen? Ach und atmet sie überhaupt? Jeder ist verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten.

Aber niemand ist verpflichtet, einen Kursus zu besuchen, sagt Ausbilder Daniel Meyer vom Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Für den Führerschein muss man die Teilnahmebescheinigung vorweisen, nur wenige wiederholen den Kursus regelmäßig. „Es gibt kein Falsch“, beruhigt Meyer die Teilnehmer seines zweitägigen Erste-Hilfe-Kurses. Speziell für die AZ-Leser wurde das Seminar in Uelzen angeboten.

Birgit Schön ist eine der Beteiligten, die ihr Wissen auffrischen möchten. Ihr voriger Kursbesuch liegt über 30 Jahre zurück, schätzt sie. Ähnlich geht es den anderen sechs angehenden Ersthelfern. Birgit Schön ist das erste Opfer: Sie liegt auf einer gelben Matte auf dem Boden, spielt eine bewusstlose Frau und lässt ihre Arme und Beine verknoten, je nachdem wie genau sich die Teilnehmer an die stabile Seitenlage erinnern. Jetzt liegt sie auf der Seite, aber irgendetwas scheint nicht zu stimmmen: „Da habe ich aber Schmerzen an der Schulter, wenn ich so liege“, protestiert sie. Außerdem drücken ihre Brillenbügel an der Schläfe. Also wird Birgit Schön schnell zurück auf den Rücken gerollt und es geht noch einmal von vorne los. Dieses Mal mit genauer Anweisung von Daniel Meyer. Ich übernehme die Rolle der Ersthelferin, knie mich zur Rechten der „Verletzten“ und spreche sie an. Keine Reaktion.

Muss man eine Pulskontrolle machen? Nein, weil man selbst zu aufgeregt ist und den Puls des anderen nicht vernünftig messen könnte, erklärt Meyer. Wie lange kann jemand ohne Atmung aushalten? Zwei bis fünf Minuten, danach können irreparable Hirnschäden auftreten, warnt der Ausbilder. Also: Zuerst die Atmung prüfen. Ich nehme ihr vorsichtig die Brille ab und überstrecke ihren Kopf – damit keine Gefahr besteht, dass ihre Zunge sich auf die Luftröhre legt. Ich horche kurz auf ihre Atmung und will schon den nächsten Schritt machen. „Moment, zehn Sekunden“, kommt es mahnend von vorne. Durchschnittlich holt ein Mensch 15 Mal pro Minute Atem, informiert der Kursleiter. Und nachdem das geklärt ist, mache ich mich an die Vorbereitung der stabilen Seitenlage: rechten Arm im 90-Grad-Winkel beugen, den linken Arm über die Brust zur rechten Schulter legen. Mit meiner linken Hand packe ich ihren linken Unterarm und mit der rechten Hand ihren linken Oberschenkel, gleichmäßig ziehe ich sie zu mir hin in Seitenlage. Das obere Bein wird auf dem Boden abgelegt, die linke Hand unter das Kinn gestützt. Achtung, der Kopf muss so zurückgebeugt werden, dass die Zunge sich nicht wieder vor die Luftröhre legen kann und die „Verletzte“ sich notfalls Richtung Boden erbrechen könnte. Voila. „Haben Sie Schmerzen?“ Birgit Schön verneint, das spricht dafür, dass ich alles richtig gemacht habe. Und wenn nicht? „Woran werde ich sterben – daran, dass ich nicht atme oder an einem gebrochenen Arm“, sagt Meyer. „Bewusstlosigkeit ist ein akut lebensbedrohlicher Zustand.“ Also keine falsche Scheu und zupacken. „Man muss gar nicht so vorsichtig sein, es tat nicht weh“, sagt die Freiwillige. Denn wenn der Ersthelfer bestimmt zupackt, fühlt man sich besser, als wenn er unsicher auftritt, bestätigt sie.

Und jetzt wird der Schwierigkeitsgrad erhöht, denn im seltensten Fall liegt eine bewusstlose Person auf dem Rücken. Daniel Meyer warnt noch kurz augenzwinkernd „Wenn ihr mir weh tut – wir haben morgen auch noch einen Tag“ und wirft sich zwischen zwei umgestürzten Stühlen auf den Boden. Es ist gar nicht so einfach, stellen Ingrid Müller und ihre Mitstreiter fest, sobald sie selbst dran sind. Da ziehen sie Daniel Meyer auf den Rücken und schon ist unklar: Atmet der Verletzte oder atmet er nicht? Nein, er kann nicht atmen, weil sein Kopf nicht überstreckt ist, erkennen sie nach einigen Überlegungen. Dann werden sie sich ihrer makabren Diskussion bewusst und kichern.

Die nächsten Übungen beginnen: Wie ziehe ich jemanden aus dem Auto heraus? Wie sehen die Herz-Lungen-Wiederbelebungsmaßnahmen aus? Wie benutze ich einen Defibrillator? „Versucht ruhig zu bleiben und kompetent aufzutreten“, sagt Meyer: Hilfe rufen. Mut zusprechen. Die lebenswichtigen Funktionen – Atmung, Kreislauf und Bewusstsein – kontrollieren. Wenn jemand auf der Rolltreppe stürzt, heißt das zum Beispiel: die Bewegung der Rolltreppe ausstellen, Umstehende direkt ansprechen und zu Hilfe holen und den Gestürzten richtig lagern, wenn er nicht selbst aufstehen kann. „Eine Decke oder eine Jacke unterlegen und reden, reden, reden.“ Aber keine Diagnosen erstellen, warnt Meyer.

Auch wenn die Situation auf offener Straße umso ernsthafter ist, beim Erste-Hilfe-Kursus geht es nicht immer ganz ernst zu. Denn während der Übung scheinen so manche Vorgehensweisen eines Ersthelfers vollkommen absurd. Bei einem Notfall habe ein Ersthelfer zu einem Verletzten gesagt: „Das Bein ist gebrochen und muss abgeschnitten werden“, erinnert Meyer sich. Die Sanitäter hätten es im Rettungswagen nicht geschafft, den Verletzten vom Gegenteil zu überzeugen. Er habe schließlich sechs Wochen Gips getragen und konnte danach wieder laufen.

Vom Stuhl aus betrachtet, wirken die Maßnahmen ganz einleuchtend, aber wer selbst an der Reihe ist, wird zögerlich. „Man muss sich erst mal überwinden“, spricht Ingrid Müller aus, was alle denken. Und das ist oft das Problem am Unfallort, schildert Meyer. Manchmal werden seine Rettungsdienst-Kollegen gerufen und stellen bei ihrer Ankunft fest, dass selbst die Familienmitglieder um den Verletzten herum nicht handeln, sondern nur warten. Jemanden anzufassen und zu helfen, dazu müssen viele Menschen eine Hemmschwelle überwinden. „Aus Angst, etwas falsch zu machen, mache ich lieber gar nichts?! Das ist es, was ihr falsch machen könnt“, sagt Daniel Meyer.

Von Diane Baatani

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