Einblicke in Schicksale, Kritik an Politik, Sorge um Gesellschaft

„Armut“ beim Uelzener Stadtgespräch: Kein Geld für Bus und Kuchen

+
Experten, Gäste und diejenigen, die mit Betroffenen zusammenarbeiten, diskutierten beim Stadtgespräch darüber, wie es dazu kommen konnte, dass auch im Landkreis Uelzen so viele arme Menschen leben. Auch wurde besprochen, was sich ändern muss, damit die Schere zwischen Arm und Reich nicht noch größer wird.

Uelzen. Private Haushalte sind so vermögend wie nie zuvor. Das gab die Deutsche Bundesbank jüngst bekannt. Dagegen stehen Berichte wie der des ehemaligen Caritas-Chef Georg Cremer, der sagt, dass 15,4 Prozent der Bevölkerung arm sind.

„Das bedeutet, dass sie weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben“, erklärt Tanja Klomfass.

Die Sozialarbeiterin beim Verein Lebensraum Diakonie Uelzen macht am Dienstagabend beim Uelzener Stadtgespräch im Samocca eine einfache Rechnung auf: „Wenn im Landkreis Uelzen rund 93.000 Menschen leben, bedeutet das, dass hier fast 15.000 Menschen an oder unter der Armutsgrenze leben.“ Eine Zahl, bei der viele Anwesende schlucken müssen. Wie es dazu gekommen ist und was sich ändern muss, wurde in Gruppen an den Tischen teilweise hitzig diskutiert.

Ralf Ritter, Chef des Caritasverbandes im Landkreis Uelzen, berichtet von seiner Arbeit in der Schuldnerberatung: „Um Menschen zu sehen, die Hunger leiden, müssen wir nicht in die 3. Welt gehen, die haben wir hier in Uelzen.“ Zwar „brumme“ die Wirtschaft, aber: „Die Landzeitarbeitslosen erreicht der Aufschwung nicht.“

Ralf Ritter (Caritasverband Uelzen, li.) und Gerard Minnaard (Integration durch Arbeit) berichteten von ihrer Arbeit mit armen Menschen.

Außerdem seien immer mehr Senioren von Altersarmut betroffen. „Vor 20 Jahren hat sich ab und zu ein Rentner in die Beratung verirrt“, erzählt Ritter. „Heute macht ihr Anteil 15 Prozent aus.“ Vor allem Frauen seien betroffen. „Die Witwenrente gibt es nur noch in Einzelfällen“, erklärt er. „Wenn der Mann stirbt, steht die Frau oft mit Grundsicherung da, obwohl sie vier Kinder großgezogen hat.“

Und das sei nur die Spitze des Eisbergs. Viele würden aus Scham Hilfsangebote vor Ort gar nicht nutzen. Sogar Berufstätige seien betroffen: „Manche melden sich Ende des Monats krank, weil sie kein Geld haben, um mit dem Bus zur Arbeit zu fahren – oder übernachten im Auto an der Arbeit, weil das Geld fürs Benzin fehlt“, sagt Ritter.

Das bestätigt auch Pastorin Anneke Ihlenfeldt: „Manche kommen nicht zum Seniorenkreis der Kirchengemeinde, weil jeder ein Stück Kuchen mitbringen soll und sie sich das nicht leisten können. Dann erfinden sie Ausreden.“

Aus Sicht von Gerard Minnaard vom Dienstleistungszentrum Integration durch Arbeit ist die Politik Schuld an dieser Entwicklung: „Wir zahlen jetzt den Preis dafür, dass wir es so lange zugelassen haben, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderdriftet.“ Das schaffe Neid, der nicht gut für das Klima in der Gesellschaft sei. Spätestens seit der Flüchtlingswelle könnten Einrichtungen wie die Uelzener Tafel den Bedarf armer Menschen nicht mehr bewältigen: „Die Hilfe für Nicht-Flüchtlinge musste sozusagen halbiert werden“, erklärt er. „So entstehen Unzufriedenheit und Identitätsverlust – die Gründe, warum Menschen die AfD wählen.“

Ein bedingungsloses Grundeinkommen sei laut Minnaard nicht die Lösung. „Bei vielen jungen Leuten gibt es eine innere, emotionale Armut.“ Die würden sie an ihre Kinder weitergeben. „Die Regierung muss die sozialen Probleme in unserem Land ernst nehmen, sonst fliegt uns das alles um die Ohren“, fordert er. „Wir brauchen kostenlose Kitas, gute Ganztagsschulen, viele Stunden und gute Leute, damit die Kinder Anerkennung und Geborgenheit erfahren.“ Nur so könne der Teufelskreis durchbrochen werden.

Von Sandra Hackenberg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare