Ilmenaustadt als Festung / Fünf Übergabeangebote der Briten werden abgelehnt / Engländer setzen Flammenwerfer ein

April 1945: „Uelzen is finished“

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Symbol für die Zerstörung der Stadt: Die Turmspitze der St. Marien-Kirche steht in Flammen, bevor sie in die Tiefe stürzt.

Uelzen. „Als die Kirchturmspitze kippte, hatte ich den Eindruck: Jetzt hat der liebe Herrgott uns verlassen. “ So erinnerte sich Zeitzeuge Uwe Schlichtenhorst. Es waren die letzten Kriegstage 1945.

Als die Bevölkerung nur noch darauf wartete, dass die aus Richtung Süden anrückenden englischen Truppen die Kontrolle übernehmen, ging Uelzen in Flammen auf. Der von Nazi-Deutschland angezettelte Krieg war in der Heimat angekommen.

Grund für die Zerstörung der Stadt an der Ilmenau vor 70 Jahren war die verhängnisvolle Entscheidung, Uelzen zur Festung zu erklären. Die Stadt wurde geopfert, um den Rückzug der verbliebenen deutschen Truppen über die Elbe zu schaffen. „Uelzen wird verteidigt bis zum letzten Mann. Es ist nicht Ihre Sache, was dabei vernichtet wird“, soll NSDAP-Kreisleiter Heinrich Schneider gesagt haben, als der Veerßer Kurt Altner am 17. April mit weißer Fahne eine Aufforderung der Engländer überbrachte, die Stadt kampflos zu übergeben. Insgesamt soll es fünf solcher Aufforderungen gegeben haben. Sie wurden sämtlich abgelehnt.

Nach Ende der Kampfhandlungen bleiben rund um die Marienkirche nur Ruinen. Von der Propstei (rechts) steht nur noch der Giebel.

200 Soldaten der Division Feldherrnhalle und der Waffen SS verschanzten sich in der Stadt, während die Uelzener die Tage seit dem 12. April in Kellern und Luftschutzbunkern verbrachten. „Der Montag, 16. April, war wohl der grauenvollste Tag für unsere Vaterstadt“, erinnerte sich ein Bürger später. „Nach einer stürmischen Nacht durch Maschinengewehrfeuer und Bomben der Tiefflieger kam um 11 Uhr vormittags ein Tiefflieger über Uelzen, der ein rasendes Feuer mit Brandmunition gegen den Turm unserer Marienkirche verschoss.“ Punkt 12 Uhr stürzte die lichterloh brennende Turmspitze in die Tiefe.

„Am Abend des 16. April bauten die Volkssturmeinheiten vollkommen nutzlose und unzureichende Panzersperren, denn die englischen Panzer waren längst im Stadtgebiet“, schrieb Ortsbrandmeister Pevestorf in seinem Löschtagebuch. Der Volkssturm war das letzte Aufgebot alter Männer und Jugendlicher.

Die Kampfmoral wurde durch Abschreckung aufrecht erhalten. So wurde der Hauptmann Erich Marquardt wegen angeblicher Fahnenflucht standrechtlich erschossen. Er war im Bunker eingenickt, nachdem er vier Tage nicht mehr geschlafen hatte. „Vielleicht haben einige unbedachte Äußerungen Marquardts über die Aussichtslosigkeit des Widerstandes genügt“, mutmaßte Archivar Erich Woehlkens 1972 im Heimatkalender. Und fuhr fort: „Deutlich wird nur der Wahnsinn der letzten Stunden der Niederlage.“

Die Endphase des Krieges wurde zum absurden, aber tödlichen Theater. Nachdem SS-Wachmannschaften die KZ-Häftlinge in der Zuckerfabrik ihrem Schicksal überlassen hatten, trieben übereifrige Volkssturmleute die Häftlinge auf Eisenbahnwaggons, die auf Umwegen zum KZ Neuengamme zurückgeschickt wurden.

Gleichzeitig lösten sich im Wissen, dass längst nichts mehr zu verteidigen war, auch die deutschen Kamfverbände auf. Generaloberst Tzschökkel hatte sich in einen Gefechtsstand im Stadtwald zurückgezogen. „Den größten Teil meiner Fahrzeuge hatte ich weggeschickt, um beweglich zu sein, ein anderer Teil verschwand ohne Abmeldung“, schrieb er später. „Mit Ablauf des 18. war die gestellte Frist für die Verteidigung vorbei. Außerdem hatten wir keine Verpflegung, keine Munition und keinen Sprit für die Sturmgeschütze mehr.“

Bereits am 17. April war die Bevölkerung aufgefordert worden, die Stadt zu verlassen. Die Menschen flüchteten, teilweise durch die Linien der Engländer, auf die umliegenden Dörfer. Trotz des Dauerbeschusses arbeitete die Feuerwehr. Da die Wasserleitungen bereits zerstört waren, liefen die Löschpumpen am Ratsteich und am Stadtgraben.

Währenddessen kämpften sich britische Soldaten aus Sorge vor Heckenschützen Haus für Haus in die Stadt, wie die Aufnahmen englischer Kriegsberichterstatter festhielten. Alle Männer in Uniform wurden festgenommen, neben Soldaten auch Polizisten, Reichsbahnbeamte und die Feuerwehrleute. Laut Pevestorf wollte ein Offizier alle verhafteten Polizeibeamten und den Brandmeister erschießen lassen. „So wie ihr Deutschen es in Holland gemacht habt.“ Es blieb aber bei der Drohung.

Pevestorf notierte: „Um 14 Uhr wurden mit Flammenwerfern die Häuser der Veerßer Straße und der Mühlenstraße in Brand gesetzt.“ Die gefangenen Feuerwehrleute wurden nach Veerßen transportiert. „Und von dort aus musste tatenlos zugesehen werden, wie die Feuersbrunst wütete.“

„Die Kardinalfrage, warum eigentlich der südliche Teil der Innenstadt mit Veerßer-, Schuh- und Mühlenstraße erst viele Stunden nach dem Einmarsch der Schotten und Engländer in Flammen aufging, kann auch heute noch nicht eindeutig beantwortet werden“, stellte Stadtarchivar Erich Woehlkens schon 1972 fest. Jürgen Kruse von der Geschichtswerkstatt Uelzen versucht sich in die Engländer hineinzuversetzen: „Celle hat sich noch ergeben, dann der Schock von Bergen-Belsen, und dann wollte sich ein kleines Heidekaff noch zur Festung erklären...“ Deshalb könne die Zerstörung der Straßenzüge, die noch größtenteils aus Fachwerkhäusern bestanden, auch eine Art von Überreaktion gewesen sein. Von der militärischen Führung war sie offenbar nicht befohlen. In den War Diarys, den offiziellen Aufzeichnungen, taucht sie jedenfalls nicht auf.

Die Bevölkerung machte NSDAP-Kreisleiter Schneider für die Zerstörungen verantwortlich, weil er die Übergabe verhindert habe. Wegen der Erschießung des Hauptmanns Marquardt wurde ihm 1948 der Prozess gemacht. Er wurde zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt, die bis auf ein halbes Jahr durch die Internierung als verbüßt galten.

Die Verteidigung Uelzens habe den Vormarsch der Briten gerade mal um fünf Tage verzögert, bilanzierte Wöhlkens. „Die Frage, ob die Verteidigung Uelzens eine militärische Notwendigkeit war, müssen wir heute in Kenntnis der größeren Zusammenhänge nicht mehr mit einem Ja beantworten. Sie war sinnlos.“ Die Bevölkerung kehrte am Nachmittag des 19. April in die zerstörte Stadt zurück. Wöhlkens zitiert einen britischen Soldaten: „Uelzen is finished.“

Von Gerhard Sternitzke

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