Thomas Walther bekommt Bundesverdienstkreuz verliehen

Anwalt für eine späte Gerechtigkeit

Würdigung für seine Arbeit: Der 76-jährige Thomas Walther bekommt heute das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er gilt als Wegbereiter für die jüngsten Prozesse gegen NS-Verbrecher. Walther wuchs in Uelzen auf.
+
Würdigung für seine Arbeit: Der 76-jährige Thomas Walther bekommt heute das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er gilt als Wegbereiter für die jüngsten Prozesse gegen NS-Verbrecher. Walther wuchs in Uelzen auf.

Wangen/Uelzen – Als Schüler war er schwierig. Mit 76 Jahren ist er nunmehr eine „Instanz“ in der deutschen Justiz. Thomas Walther, der in Uelzen aufwuchs, gilt als Wegbereiter für die jüngsten Prozesse gegen NS-Verbrecher. Heute erhält er das Bundesverdienstkreuz.

Seine Arbeit wird gewürdigt. Thomas Walther bekommt heute das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der 76-Jährige stellt im Gespräch vorab klar: Das wird keine Ego-Show.

Es soll um andere(s) gehen. Um einen neuen Weg in der deutschen Justiz. Nach Jahrzehnten wird Menschen nun der Prozess gemacht, die Anteil daran gehabt haben sollen, dass Männer, Frauen und Kinder in Konzentrationslagern starben. Walther gilt als Wegbereiter für diese Prozesse gegen NS-Verbrecher wie John Demjanjuk oder Oskar Gröning. Beide wurden wegen Beihilfe zum Mord in vielen tausend Fällen verurteilt.

„Es hat sich etwas verändert in der Justiz“, sagt Walther. Und die Auszeichnung heute verstehe er als Anerkennung dafür. Und auch um sie solle es heute gehen: Um Überlebende, um die große Zahl von Angehörigen und Nachfahren. Im Prozess gegen Oskar Gröning stand Walther solchen Opfern juristisch zur Seite, als sie als Nebenkläger auftraten. Er hat intensive Gespräche mit ihnen geführt. Walther sagt: „Glauben Sie mir, man geht emotional durch tiefe Täler.“

In der Schule ein schwieriger Schüler

Von Journalisten wird Thomas Walther gelegentlich als „Nazi-Jäger“ bezeichnet – ein Begriff, den er nicht mag. Aber wie ist aus dem Jungen, der noch auf dem unbebauten Königsberg in Uelzen herumtollte, jener Jurist geworden, der sich im Alter der juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen widmet? Zumal es zunächst andere Vorzeichen gibt: Als Jugendlicher ist er nicht gerade ein Musterschüler.

Der 76-Jährige sagt von sich, er sei als Schüler „schwierig“ gewesen. Mit seinem Benehmen und den Streichen treibt Walther die Lehrer am Uelzener Herzog-Ernst-Gymnasium zur Weißglut, „sammelt Klassenbucheinträge“. Einem Rauswurf entkommt er nur knapp, weil sein Vater Rudolf ihn vom Gymnasium nimmt und ihn nach Lüneburg auf die Herderschule schickt.

Die Familie wohnt in den Jugendjahren von Walther an der Gudesstraße, unweit von Ratsteich und Ilmenau. In einem Interview sagt er einmal, er habe aus seinem Zimmer in die Ilmenau spucken können. In dieser Umgebung bekommt er vom Vater Geschichten aus einer Welt erzählt, die weit weniger idyllisch ist.

Von Verfolgung und Verbrechen an Menschen hört Thomas Walther. Als er noch nicht geboren ist und die Nazis in Deutschland an der Macht sind, lebt Vater Rudolf in Erfurt. Einen großen Freundeskreis habe er gehabt, erzählt der Sohn, unter ihnen viele Juden. Und zwei Ehepaaren gewährt Vater Rudolf in der Reichspogromnacht 1938 Unterschlupf. „Im Gartenhaus wurden sie versteckt“. Sie können lebend das Land verlassen. Aus Dankbarkeit schenkt ein Ehepaar später Rudolf Walther einen schillernden Füllfederhalter aus dem Jahr 1948.

Schatten der Familiengeschichte

Sohn Thomas Walther unterzeichnet in den 1980er-Jahren mit diesem geschichtsträchtigen Füllfederhalter noch Urteile als Richter, einer also, der sich für das Recht einsetzt.

Eigentlich wollte Walther Journalist werden, wie er erzählt. Weil er einmal Marcel Reich-Ranicki trifft, der ihm imponiert. Auch mit der Theologie liebäugelt er. Der Propst, zu dem er vom Vater geschickt wird, damit er einen Einblick in die Theologie bekommt, erzählt aber vor allem vom Partisanenkrieg. Also doch lieber Germanistik, um Journalist zu werden. Aber das liegt ihm wenig. Die Abschlussnote schließlich in Jura erlaubt ihm die Arbeit in der Justiz.

Zuletzt ist Walther 2006 Strafrichter, hat Urteile zu „Schlägereien in Diskotheken und Drogendelikten“ zu fällen. Die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg sucht zu diesem Zeitpunkt Ermittler. Walther erinnert sich an die Geschichten seines Vaters, sieht die Möglichkeit, dass vielleicht NS-Verbrechen gesühnt werden. 2009 steht John Demjanjuk vor Gericht. Thomas Walther hat dafür die Grundlagen geschaffen; es gilt nun die Rechtsauslegung, dass eine Verurteilung auch dann möglich ist, wenn dem Angeklagten keine direkte Beteiligung an den Mordtaten nachgewiesen werden kann. John Demjanjuk oder Oskar Gröning seien Räder in der NS-Tötungsmaschinerie gewesen, so die Argumentation.

Heilende Wirkung der Prozesse

Der Jurist, der heute im bayerischen Wangen und in Budapest lebt, ist überzeugt davon, dass die Aufarbeitung der NS-Verbrechen, dass Betroffene nun angehört werden und es zu Schuldsprüchen kommt, eine „heilende Wirkung“ für die Opfer des Regimes hat. Das sei für ihn Motivation weiterzumachen. In Hamburg werde gerade geprüft, ob es zu einem weiteren Prozess gegen einen NS-Verbrecher komme, berichtet Walther. Womöglich wird er dann noch einmal als Jurist tätig – für eine späte Gerechtigkeit.

VON NORMAN REUTER

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare