Uelzener Bundespolizisten stoßen beim Flüchtlingseinsatz in Bayern an Grenzen

Die Angst ist immer spürbar

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Der Uelzener Bundespolizist Dirk Ludwig (rechts), Schichtleiter in der Turnhalle, im Gespräch mit Kollegen: Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht.

Rosenheim/Uelzen. Es ist noch nicht einmal zehn Uhr morgens, als sich Dirk Ludwig zum gefühlt hundertsten Mal den Schweiß von der Stirn wischt. Seine Schicht hat erst vor vier Stunden begonnen – aber diese vier Stunden fühlen sich an wie 14. Mindestens.

Die Arbeit hier in der Dienststelle der Rosenheimer Bundespolizei ist anstrengend. Körperlich und emotional. Sie geht an die Substanz – das spürt Dirk Ludwig schon nach anderthalb Tagen.

Er ist einer von 100 Bundespolizisten aus Uelzen, die für eine Woche ihre bayerischen Kollegen in Rosenheim unterstützen – gemeinsam mit 50 weiteren Bundespolizisten aus Berlin und Bonn. Im oberbayerischen Rosenheim dreht sich seit vielen Monaten der Polizeialltag nur noch um Flüchtlinge. Das liegt an den beiden Hauptrouten der Schleuser: über den Balkan und über den Brenner. Beide laufen sowohl auf der Autobahn, als auch auf Schienen im Grenzgebiet zwischen Lindau und Freilassing zusammen. 645 Kilometer, für die die Bundespolizeiinspektion Rosenheim zuständig ist.

Die Beamten haben seit Jahresanfang mehr als 17 000 illegal über die Grenze eingeschleuste Menschen aufgegriffen. Es werden von Woche zu Woche mehr. „Wir arbeiten schon seit Monaten am Limit“, sagt Rainer Scharf, Sprecher der Rosenheimer Bundespolizei. Seit einigen Wochen bekommen Scharf und seine Kollegen deshalb Verstärkung aus ganz Deutschland. Die Uelzener Polizisten haben bereits während des G7-Gipfels ihre bayerischen Kollegen unterstützt. Doch die Arbeit, die sie in der Rosenheimer Dienststelle leisten müssen, ist neu für sie.

Die Turnhalle, in der die Polizisten früher Sport gemacht haben, hat sich schon vor vielen Monaten in ein Bettenlager verwandelt. Mehr als 100 Menschen haben hier die Nacht verbracht. Sie alle werden registriert, untersucht und vernommen, bevor sie weitergeschickt werden zur Erstaufnahmeeinrichtung in München.

Dirk Ludwig ist der Schichtleiter in der Turnhalle. Sein Telefon klingelt im Minutentakt. Wenn Dolmetscher gebraucht werden. Wenn Flüchtlinge zu den Sanitätern oder zur Registrierung gebracht werden sollen. Wenn irgendwo ein Problem auftritt. Vor einer Viertelstunde hat die bayerische Landespolizei angerufen. Die Beamten haben auf den Autobahnen 46 eingeschleuste Flüchtlinge aufgegriffen, die sie nun in die Dienststelle bringen.

Kinder klammern sich an ihre Eltern

46 Menschen, die ohne Wasser stundenlang in Kleinlastern zusammengepfercht waren, die mit ihrer Kraft am Ende sind. Eine hochschwangere Frau ist unter ihnen, einige kleine Kinder, die sich übermüdet und verängstigt an ihre Eltern klammern.

Ängstlich legt ein 19-Jähriger aus Ghana seinen Finger auf den Scanner, Bundespolizist Mario Weding hilft ihm.

Ludwig hat nicht viel Zeit, etwas zu organisieren. Er lässt Stühle bringen, die seine Kollegen unter einem großen Baum im Schatten aufstellen. Mitarbeiter der Malteser versorgen die Menschen mit Broten und Getränken. „Jeder einzelne muss aber zuerst nach gefährlichen Gegenständen durchsucht werden“, sagt Dirk Ludwig. Alle bekommen ein Armband mit einer Nummer, dieselbe Nummer wird am Gepäck befestigt. Die meisten Flüchtlinge haben nur einen kleinen Rucksack bei sich. Alles andere mussten sie in ihrer Heimat zurücklassen. Ihre Taschen bekommen sie wieder, wenn sie mit Namen, Foto und Fingerabdrücken erfasst sind – wenn sie in der Legalität angekommen sind. Erst nach der Registrierung kann das Asylverfahren beginnen.

„Wir sind Flüchtlinge, keine Verbrecher“

Der provisorische Quarantäne-Bereich in der Turnhalle – Flüchtlinge mit Verdacht auf Krätze bekommen weiße Schutzanzüge.

An Tagen wie diesen kommen die Bundespolizisten mit der Arbeit nicht mehr hinterher. An Ermittlungsarbeit ist kaum noch zu denken – obwohl sie so wichtig wäre, um an die Schleuserbanden zu kommen. Aber dafür sind die Flüchtlingszahlen im Moment einfach zu hoch. Allein die Erfassung dauert mindestens 20 Minuten pro Person. Überall in der Rosenheimer Dienststelle sitzen entkräftete Menschen und warten. Einige schlafen, viele haben Angst vor dem, was kommt, ein paar werden ungeduldig. „Wir sind Flüchtlinge – keine Verbrecher“, sagt ein junger Iraker zu Dirk Ludwig. Er ist gemeinsam mit zwölf anderen Männern am Vorabend in einem Zug aus Italien aufgegriffen worden, sie warten seit zwölf Stunden darauf, dass es weitergeht „Der einzige Vorteil bei der vielen Arbeit hier ist, dass die Zeit so schnell vergeht“, sagt Ludwig.

Mario Weding geht es ähnlich. Er nimmt seit fünf Stunden Fingerabdrücke und tippt Namen und Daten in einen Computer ein. Ein 19-Jähriger aus Ghana blickt ihn ängstlich an, als er vorsichtig seinen Zeigefinger auf den Scanner legt. „Wir können nur ahnen, welche Geschichten diese Menschen haben“, sagt er. Einige haben Brand- oder Schnittwunden.

Mario Weding stellt keine Fragen. Aber er nimmt sich Zeit für ein Lächeln – egal wie viele Menschen vor der Tür auf die Registrierung warten. Und er weiß: Es wird lange dauern, bis er heute nach Schichtende abschalten wird. Wenn er es überhaupt schafft.

Die Uelzener Bundespolizei wird die Rosenheimer Kollegen im Fünf-Wochen-Rhythmus jeweils für eine Woche unterstützen. Dirk Ludwig ist noch nicht sicher, wie lange es dauern wird, bis er sich an den Alltag hier gewöhnt hat. „Gestern bin ich nach der Schicht einfach nur in mein Bett gefallen und eingeschlafen“, erzählt er. Das ist ihm nach einem Arbeitstag schon lange nicht mehr passiert.

Von Katrin Woitsch

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