Angeklagter überlegt es sich anders

Weil schönes Wetter ist: Anstatt beim Amtsgericht zu erscheinen, geht er Bier trinken

+
B. war auf dem Weg zum Amtsgericht, doch dann überlegte er es sich anders und ging ein Bier trinken.

Uelzen. Eine Klasse hat jetzt die Verhandlung wegen Diebstahls am Amtsgericht besucht, um für ihr Schulfach „Recht und Moral“ etwas über Schuld und Reue zu lernen. Wie diese Lektion aussieht, darüber hatte der Angeklagte aber seine eigene Meinung.

Denn bei Beginn der Verhandlung fehlt von B., der derzeit in einer Obdachlosenunterkunft wohnt, jede Spur. Sein Betreuer erzählt, er habe den 53-Jährigen am Morgen nicht angetroffen. Da schaltet sich eine Zeugin ein, die berichtet, sie habe B. vor ein paar Minuten vor dem Gericht gesehen. Allerdings sei er in Richtung Marktcenter unterwegs gewesen. Kurzerhand schickt Richterin Claudia Hagemann eine Polizeistreife los, die den Beschuldigten aufgreift, als er sich gerade ein Bier gönnt, und in den Gerichtssaal begleitet.

„War es ein bisschen schwierig, heute Morgen herzukommen?“, fragt die Richterin nach. B.s Antwort: „Ja, davon gehe ich aus.“ Zwar kann die Verhandlung nun beginnen, doch so richtig Lust hat der Beschuldigte nicht. „Können wir uns das nicht sparen?“, fragt er. „Ich gehe eh in Berufung.“ Bei dem schönen Wetter möchte er lieber draußen ein Bier trinken und sich mit Leuten unterhalten, sagt er. Außerdem kämen eh noch „ein paar mehr Sachen“ auf ihn zu. Darauf lässt sich die Richterin zu B.s Enttäuschung nicht ein. Ob er Angaben zur Sache machen wolle? – „Nö, auf keinen Fall.“

In Anbetracht von B.s wirrem Verhalten rückt der eigentliche Tatbestand fast in den Hintergrund: Er soll in einem Uelzener Modehaus eine Jeans im Wert von 39 Euro geklaut haben. Erst ließ er sich von einer Verkäuferin beraten. Als sie später in die Umkleidekabine schaut, ist B. samt Jeans verschwunden – seine alte Hose hat er zurückgelassen.

Weit kommt er aber nicht: Die Mitarbeiter entdecken den Ladendieb auf einer Bank ein paar Meter vom Geschäft entfernt. Als die Polizei eintrifft, erklärt er, dass die Regierung ihm befohlen hätte, den Diebstahl zu begehen. B. interessiert allerdings nur eine Sache: „Können mir Sie sagen, wie lange ich bei Ihnen jetzt Hausverbot habe?“, fragt er während der Verhandlung die Filialleiterin.

Zwar sagen die Zeugen aus, dass B. ihnen leidgetan habe, weil er geweint habe, als er aufgegriffen worden sei. Doch ob ihm die Tat leidtut oder er sich nur selbst bemitleidet, ist unklar. „Ich hab’ geweint, weil sie mich erwischt haben – weil ich der Beste bin.“

Die Polizistin, die B. damals verhört hat, sagt: „Das war ziemlich wirr.“ Sie kenne ihn bereits von anderen Einsätzen. „Er hat Äußerungen über Menschenfresser getroffen.“

Am Ende überrascht das Urteil niemanden: Nachdem ein Gutachter B. eine sogenannte „seelische Abartigkeit“ bescheinigt, wird das Verfahren beendet, weil B. schuldunfähig ist. Doch wie B. bereits angekündigt hat, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis er das nächste Mal vor Gericht steht.

Von Sandra Hackenberg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.