Mit 20 Jahren Alkoholiker

Angeklagter klaute Fahrrad, um zu Gerichtsverhandlung nach Uelzen zu kommen

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Zehn Liter Bier trinkt der 20-jährige Angeklagte laut eigener Aussage täglich. Er ist seit Jahren schwer alkoholkrank.

Uelzen. Wegen gefährlicher Körperverletzung möchte das Uelzener Amtsgericht gegen einen Mann verhandeln. Er soll in seinem Wohnhaus in der Uelzener Innenstadt seinen Nachbarn attackiert haben.

„Wir kennen es öfters, dass es mal lautstark wird“, berichtet das vermeintliche Opfer im Verhandlungssaal. Doch der Angeklagte selbst taucht nicht auf.

Zwar wurde die Ladung dem Mann ordnungsgemäß zugestellt, doch Richterin Claudia Hagemann ist sich nicht sicher, ob sie ihn tatsächlich erreicht hat, denn vor Kurzem befand sich der Beschuldigte noch in der Psychiatrie. Die Verhandlung muss vertagt werden. „Es kann sein, dass wir Sie noch mal vorladen müssen“, erklärt sie dem Zeugen. Der nimmt es gelassen: „Kein Problem, so lange die Tische fest sind“, sagt er mit Blick auf das Aufeinandertreffen mit dem Angeklagten.

Weil die Verhandlung ausfällt, kann Claudia Hagemann eine andere Sache vorverlegen – Alltag am Amtsgericht. Diesmal kann sie sich sicher sein, dass der Angeklagte auch erscheint: Er wurde am Abend vorher von der Polizei vorsorglich festgenommen, weil er bereits zum ersten Verhandlungstermin nicht gekommen ist. Darum verbrachte H. die Nacht in einer Gefängniszelle – und das wegen zwei verhältnismäßig kleinen Diebstählen.

So hat der 20-Jährige im Juli dieses Jahres zwei Dosen mit alkoholischen Getränken aus einem Bad Bodenteicher Supermarkt gestohlen. Keine zwei Wochen später hat er ein nicht abgeschlossenes Damenfahrrad vom Parkplatz eines Busunternehmens in Bad Bodenteich geklaut.

„Ich geb’ das beides zu“, erklärt H. Das Fahrrad habe er gebraucht, um nach Uelzen fahren zu können, denn er habe an diesem Tag einen Gerichtstermin gehabt, bei dem es um Streitigkeiten mit seinem Vermieter gegangen sei. „Das war falsch, ich hätte lieber schwarzfahren sollen.“

Das sieht die Richterin anders: „Auch das ist nicht das richtige Mittel der Wahl. Und finden Sie das nicht absurd, eine Straftat zu begehen, um zu einer Gerichtsverhandlung zu kommen?“

Auch für den Supermarkt-Diebstahl hat H. eine Erklärung: „Ich war da leicht angetrunken und habe meine Hemmschwelle wieder nicht erkannt.“ Seit seiner Jugend ist er starker Trinker: „Ich will jetzt auch eine Entziehungskur machen, damit ich wieder ‘bisschen klarkomme.“

Das ist laut einer Mitarbeiterin des Jugendamts dringend notwendig. Bei ihrem letzten Gespräch mit dem jungen Mann sei er „erheblich alkoholisiert“ gewesen. H. habe ihr erzählt, zehn Liter Bier am Tag zu trinken. „Er sagte mir, dass er einfach nicht aufhören kann zu saufen“, erinnert sie sich. Wegen des jahrelangen Alkoholmissbrauchs sei H. reifeverzögert und solle wie ein Jugendlicher bestraft werden: „Er ist ein schwer traumatisierter Heranwachsender, der sich in die Sucht flüchtet.“

Die Jugendamtsmitarbeiterin und der Staatsanwalt bitten darum, gegen H. keine weiteren Sozialstunden zu verhängen, sondern ihm Hilfe in Form einer Einzelbetreuung anzubieten. Dieser Bitte kommt die Richterin nach, die entscheidet, dass H. sechs Monate lang regelmäßig zum Verein Jugendhilfe gehen muss. „Sie bekommen die Chance, Ihre Probleme in den Griff zu kriegen“, erklärt Claudia Hagemann dem jungen Mann. „Sie müssen unbedingt was tun, denn wenn es ganz dumm läuft, sehen wir irgendwann Ihre Todesanzeige in der Zeitung.“

Von Sandra Hackenberg

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