Uelzener berichten über das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen in ihrer ursprünglichen Heimat

Andere Länder, andere Sitten

+
Kulturelle Vielfalt: Die familiären Wurzeln dieser Kinder liegen unter anderem in Sri Lanka, Italien, Kasachstan und der Türkei.

Uelzen. „Mama, haben Sie etwas zu trinken für mich?“ Olga Komnik schmunzelt, in deutscher Sprache klingt der Satz sehr merkwürdig. Die junge Frau kommt ursprünglich aus Kasachstan und dort ist es durchaus üblich, das Kinder ihre Eltern „siezen“.

Auf russisch hört sich das auch gar nicht mehr so holprig an.

Mit ihrem eigenen Nachwuchs ist Olga Komnik aber per Du. Schließlich wohnt sie schon lange in Uelzen, ihre Tochter Vanessa geht in den DRK-Kindergarten in der Tivolistraße. Dort gibt es noch viele weitere Sprösslinge, deren Familien einen Migrationshintergrund haben. „Bei den Nachmittagskindern sind es ungefähr die Hälfte“, weiß die Leiterin Ute Chlechowitz. Seit etwa zwei Jahren beschäftigen sich die Mitarbeiterinnen des Kindergartens mit der kulturellen Vielfalt in ihrer Einrichtung: „Wir haben die verschiedenen Herkunftsländer aufgeteilt, uns darüber informiert, die Eltern interviewt und uns die Ergebnisse dann gegenseitig vorgestellt“, beschreibt Chlechowitz das Vorgehen.

Dabei stieß man auf so interessante Geschichten wie die von Olga Komnik. Als diese mit ihren Eltern nach Deutschland kam, war die Umstellung in der Anrede gewöhnungsbedürftig. „In Kasachstan ist es eine weit verbreitete Tradition, sie bringt Respekt zum Ausdruck“, erklärt sie. „Ansonsten wäre es, als verwechsele man seine Eltern mit gleichaltrigen Freunden.“ Mit ihrer Mutter habe sie dann aber vereinbart, sich den hiesigen Gepflogenheiten anzupassen und „Du“ zu sagen.

Eine andere Mutter ist zwar in Uelzen geboren, wuchs als Kind türkischer Eltern aber sehr behütet auf: Aylin Köse erinnert sich noch gut daran, dass ihr als Kind vieles untersagt worden ist und kennt auch den Grund: „Meine Eltern hatten immer viel Angst um mich.“ Heute, da sie selbst eine Tochter hat, kann sie diese Sorgen sehr gut nachvollziehen. „Aber auch wenn es manchmal Überwindung kostet, gewähre ich meinem eigenen Kind deutlich mehr Freiheiten“, verrät die 24-Jährige.

Das kommt Loretta Palumbo sehr bekannt vor: „Wenn man selbst streng erzogen worden ist, fällt es manchmal schwer, weniger streng mit seinen Kindern zu sein.“ Ihre Eltern stammen aus Apulien im Süden Italiens, wo Religion eine sehr große Bedeutung hat. Die 28-Jährige und ihr Bruder seien zwar in Uelzen geboren und aufgewachsen, doch die Erziehung war sehr katholisch geprägt. „Vorm Essen und zu Bett gehen musste gebetet werden, das Wochenende vor Ostern wurde auf Fleisch verzichtet und wir haben sehr häufig Gottesdienste besucht“, erinnert sie sich. Auch die Freizeitgestaltung war im Vergleich zu ihren Altersgenossen eingeschränkt. „Wenn Du 18 bist...“, habe es dann immer geheißen. Und obwohl sie selbst gläubig ist, möchte sie ihrem eigenen Nachwuchs mehr Freiheiten lassen – gerade weil sie als Kind und Jugendliche sehr zum Religiös-Sein gedrängt wurde.

„Bei meiner Oma war das Beten auch sehr wichtig, bei meiner Mutter dann schon etwas weniger“, erinnert sich die gebürtige Polin Olga Pakendorf. Doch nicht nur die unterschiedlichen Generationen spielten bei der Frage, wieviel Einfluss der Glaube auf die Erziehung und das tägliche Leben der Menschen hat, eine Rolle: „In den Städten nimmt das auch eher ab als in ländlichen Räumen.“ Zudem Spreche man in Polen seine Eltern grundsätzlich nicht mit Vornamen an, sondern mit ihren „Titeln“ als Vater, Mutter, Oma et cetera.

In Sri Lanka ist diese Anrede-Form nicht nur bei Verwandten üblich, wie Kiritharan Klinton aus seiner ehemaligen Heimat zu berichten weiß: „Wenn man zum Beispiel mit einem Lehrer spricht, sagt man ,teacher’ und nennt ihn nicht wie hier bei seinem Namen.“ Seit 15 Jahren ist Klinton in Deutschland und weiß noch, was das für eine Umstellung für ihn war: „Plötzlich sollte man alle Leute mit Namen ansprechen und wurde zum Teil auch aufgefordert, ,Du’ zu ihnen zu sagen.“

Zu erfahren, welche Gepflogenheiten es in anderen Kulturen gibt, empfindet Ute Chlechowitz als große Bereicherung: „Es führt einem vor Augen, dass die eigene Sicht der Dinge nur eine unter vielen ist.“

Von Karsten Tenbrink

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare