Wie eine 44-Jährige nach der Attacke ihres Ex-Freundes wieder den Weg ins Leben versucht

„Als Opfer bleibt man zurück“

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Auch wenn der Peiniger verurteilt wurde, ist das Leiden für das Opfer noch längst nicht vorbei.

Uelzen. Wenn es dunkel wird, kommt die Angst. Wovor genau, das kann Petra S. (Name von der Redaktion geändert) gar nicht so ganz genau sagen. Nur eines weiß sie: Diesen Abend des 4. April 2012 wird sie nie vergessen.

Als ihr Ex-Freund sich nach einem Streit mit ihr in einer Kneipe betrunken und ihr im Dunkeln aufgelauert hatte. Als er auf sie los ging, ihr mit einem Messer bleibende Verletzungen an der Hand zufügte, ihr Augenknochen im Gesicht brach – und damit ihre Seele wohl für den Rest ihres Lebens unheilbar verletzte.

Gerichte verurteilten den Mann zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und zur Zahlung von knapp 18 400 Euro Schmerzensgeld und Verdienstausfall. Mehr als ein Jahr ist das jetzt her. Doch Petra S. hat noch kein Geld erhalten – weil bei ihrem arbeitslosen Ex-Mann nichts zu holen sei, wie Gerichtsvollzieher und Anwälte ihr offenbarten. Petra S. kann das nicht verstehen. „Ein Auto kann er sich leisten“, sagt sie, „aber wenigstens mal 50 Euro im Monat als Entschädigung zu überweisen und guten Willen zeigen, das kann er nicht?“

Die 44-Jährige schwebt in einem Zustand zwischen Angst und Wut im Bauch. Und allmählich kommt auch Verzweiflung dazu, denn mit der Jobsuche will es bei der gelernten Verkäuferin auch nicht so recht klappen. „Die Arbeitgeber haben kein Verständnis dafür, wenn mal etwas länger dauert oder so. Da muss man funktionieren“, erklärt ihr neuer Lebensgefährte für seine Partnerin.

Hinzu komme, dass Petra S. wegen ihres rechten Mittelfingers, der seit der Attacke ihres Ex krumm und steif ist, nicht jede Arbeit erledigen kann. Ihr Antrag auf Rente aus dem Opferentschädigungsgesetz wurde abgelehnt – der Grad der Schädigungsfolgen sei mit 20 Prozent zu gering. Lediglich eine Übernahme der Kosten von Heilbehandlungen wurde ihr in diesen Tagen zugestanden.

Das traumatische Erlebnis in jener Nacht im April 2012 hat seine Spuren hinterlassen. Vor allem in der Psyche von Petra S.. Unentwegt nestelt sie an den Bändern ihres Kapuzenpullovers. Ihrem Gesicht entgleiten manchmal für Sekunden die Züge, ihr Mund verzieht sich dann kurz zu einem Lächeln. Und gefriert dann wieder. Dann wieder ein Lächeln. Wie um sich selbst zu beruhigen, nickt die 44-Jährige dann kaum wahrnehmbar einige Male mit dem Kopf, blickt auf ihre zarten Finger, um die sie die Kapuzenbänder gewickelt hat.

Als es mitten im Gespräch plötzlich an der Tür klingelt, zuckt sie zusammen. In ihrem Blick zum Flur flackert die Angst. Dabei ist es nur der Postbote. „Angst und Panikattacken“ habe sie immer noch, sagt Petra S., und spätestens seitdem ihr Ex-Freund schon einmal vor ihrer Wohnung gestanden und geklopft und geklingelt habe, sei ihr erst recht unwohl. Sie habe damals die Polizei gerufen, sagt die zierliche Frau, und per Anwalt mitteilen lassen, dass ihr Ex sie nicht aufsuchen solle. Der jedoch bestreitet, überhaupt bei ihr gewesen zu sein.

Petra S. geht ohne Pfefferspray nicht mehr raus, ihr neuer Lebensgefährte hat ein Vorhängeschloss an ihre Wohnungstür geschraubt. Auch um ihn hat sie Angst, sagt die 44-Jährige. Ihre eigene Panik versucht sie, mit Gesprächen bei der Lebenshilfe der Diakonie in den Griff zu bekommen. Ob sie nach dem Angriff des einstigen Partners das grundsätzliche Vertrauen in die Menschen im allgemeinen und die Männer im Speziellen verloren habe? „Nein“, schüttelt sie den Kopf, „man darf ja nicht alle über einen Kamm scheren“, sagt sie und es klingt, als ob sie selbst ganz fest daran glauben will.

Wohl aber das Vertrauen in den Rechtsstaat, sagt sie, habe sie langsam verloren. „Denn während ich hier die Gekniffene bin, läuft der da draußen herum und lacht uns noch aus. Die Gerichte klappen mit ihrem Urteil einfach ein Kapitel zu, und als Opfer bleibt man einfach zurück.“ Nachvollziehbar sei das für sie nicht.

Damit ihr Ex „nicht einfach so damit durchkommt“, hat Petra S. die Forderung nach Schmerzensgeld und Verdienstausfall jetzt an ein Inkassobüro abgegeben.

Von Ines Bräutigam

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