Erinnerungen an heute

Winter ade

Auf der Spendenparty einer Stiftung für Traumabehandlung speiste ein professioneller Aktienanleger neben mir, der sich über nichts anderes als seine Anlagen unterhalten konnte:

Er kaufe nur, wenn Aktien und deren Besitzerstimmung im Keller sind, verkaufe nur, wenn’s oben ist. „Das Zauberwort ist antizyklisch…“ auf einem zähen Fleisch kauend.

Ich schreibe heute auch antizyklisch: Ich lobe den Winter, bevor es zu spät ist, während alles um mich herum in Worten über den armen Winter stöhnt, seufzt, ihn zum Teufel wünscht. Auch der schriftliche Uhlenköper klagt mit im Chor – da bin ich antizyklisch und lobe den mir lieben Winter.

Hans-Helmut Decker-Voigt

Mein Winter lädt ein zum Innenleben im Haus, zum Innenleben in der eigenen Seelenlandschaft. Ich arbeite an den neuen Formen der Schreibmaschine viel fleißiger, viel besser (finde ich) als im Sommer, wo der innere Blick hinaus gesogen wird. Oder Gespräche? Wann schauen wir einem Gegenüber aufmerksamer und unabgelenkter in sein Gesicht, seine Augen? Im Winter drinnen – oder im Strandkorb mit Meer und Massen um uns oder im Biergarten mit dem Trubel und halben Litern in uns? Wo entdecken wir unsere Liebsten neu oder neue Liebste eher? Beim Tanzen auf Winterbällen und in Winterdiscos oder im sommerlichen Sport-Stress zu Wasser, am Berg und in Lüften? Wann lesen wir aufmerksamer Buch oder E-Book? Wo hören wir Musik als Nahrungsquelle sehnsüchtiger? Richtig: im Winter. Im Winter klingeln auch nur meine Telefone zuhause, draußen klingelt die Welt um die Wette.

Wann verliebe ich mich in die Buntheit eines Blumenstraußes mehr – im Sommer? Eben drum liebe ich den Winter und nehme schweren Abschied.

Auf der Party der Stiftung Traumatherapie klagte ein redender Politiker, dass er sich von diesem Winter „traumatisiert“ fühle. Ich leide nur unter Heizölrechnungen, aber traumatisiert von diesem Winter? Nebenbei: Die, die ihre Traumata betonen, haben meist keine. Und keine Ahnung. Außerdem missachtet man Zaki, unseren Wetterfrosch. Er setzt alles dran und dies täglich, uns zu trös-ten, dass (fast) alles ganz normal sei.

Winter ade, Scheiden tut weh…

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg, arbeitet in Lehre und Forschung und als Schriftsteller. E-Mail-Kontakt: Prof. Dr. Decker-Voigt@t-online.de

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