„Nigeria Connection“, Kapitalanlagebetrug, Phishing, Skimming – Ermittler geben seltene Einblicke in ihre Arbeit

Tatort Internet: Uelzens Kripo auf der Jagd

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Kriminalhauptkommissar Reinhard Vogel (links) leitet die Geschicke im Fachbereich für Betrugs-, Internet- und Wirtschaftskriminalität des Kriminal- und Ermittlungsdienstes des Polizeikommissariats Uelzen. Im Bereich „Internetkriminalität“ stützt er sich hauptsächlich auf die Kenntnisse von Polizeioberkommissar Frank Deneke.

Landkreis. Betroffen sind alle Alters- und Gesellschaftsschichten im Verbreitungsgebiet. Uelzens Kriminal- und Ermittlungsdienst, genauer: der Fachbereich für Betrugs-, Internet- und Wirtschaftskriminalität, registriert stetig wachsende Fallzahlen. Am Ende sind Uelzens Bürger die Leidtragenden, manchmal komplette Ersparnisse für immer verloren.

Zu nennen sind Begriffe wie Vorschussbetrug im Zusammenhang mit der „Nigeria Connection“, Kapitalanlagebetrug, Phi-shing, Skimming sowie eBay-Betrug. Obwohl die Gefahren des Internets durch die Medien immer wieder publiziert werden, gelingt es Tätern durch immer neue Maschen auch vorsichtige Bürger in ihr Netz zu holen. Das sagen Kriminalhauptkommissar Reinhard Vogel und Polizeioberkommissar Frank Deneke.

Vogel leitet die Geschicke des Uelzener Fachbereichs. Im Bereich „Internetkriminalität“ stützt er sich hauptsächlich auf die Kenntnisse von Polizeioberkommissar Deneke. Beide geben exklusive Einblicke in ihre Arbeit und Tipps, wie sich Uelzener Internetnutzer vor Betrügereien schützen können.

So musste vor kurzem auch ein in Anlagegeschäften durchaus kundiger Mann aus dem Landkreis einen Verlust von mehreren tausend Euro erfahren, weil er auf einen geschickt agierenden Täter herein fiel, der auf eine vorgespielte Legende zurückgriff, die erst nach mehrmaligem Hinsehen als reine Erfindung erkennbar war. Täter hatten beispielsweise eine professionell gestaltete Internetseite eines Aktienhandels aufgebaut, die einen seriösen Geschäftspartner vermuten ließ. Die dort angegebenen Telefonnummern im Ausland waren erreichbar und augenscheinlich mit fachkundigem Gegenüber besetzt. „Ein verlockendes Angebot und der Anleger war geködert“, schildert Deneke.

Ein anderes Beispiel: Obwohl es auch hinreichend bekannt sein sollte, kommt es in fast regelmäßigen Abständen immer wieder vor, dass auf die Machenschaften der „Nigeria Connection“ hereingefallen wird. In diesen Fällen wird in der Regel mit angeblichen Gewinn- oder Erbschaftsmitteilungen geködert, die teilweise unter Schilderung abenteuerlicher Sachverhalte jeglicher Grundlage entbehren.

Es wird hier versucht, dass vom Opfer unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Vorkasse geleistet wird, etwa für angebliche Notariats- oder Überführungskosten. Diese Gelder werden in der Regel per Geldtransfer ins Ausland übersandt, dabei werden fiktive Empfänger angegeben.

Das größte Problem für die Ermittler aus Uelzen: Sitzen die Täter im Ausland, muss auch dort ermittelt werden, was sich in nahezu allen Fällen als problematisch und wenig erfolgversprechend herausstellt.

„Grundsätzlich“, und das rät Vogel allen, die sich im Internet, aber auch offline für Angebote interessieren, „sollte man sich im Klaren sein, wer sein Gegenüber ist.“

Und sobald das Gegenüber im Ausland sitzt, gelte zumindest besondere Vorsicht.

Ungeachtet ihres Standorts verstehen es Betrüger, mit den Wünschen und Sehnsüchten ihrer Opfer zu spielen. Das logische Denken sollten Internetnutzer deshalb nie abschalten, warnt Experte Vogel. Er rät zu folgender Überlegung, spielt jemand mit den Gedanken, auf ein buchstäblich unglaubliches Angebot einzugehen: „Klingt das nicht zu gut, um wahr zu sein?“ Wenn ja, „sollten die Alarmglocken schrillen“, betont Vogel.

Bestes Beispiel: Mehrfach hatte er schon Fälle auf seinem Schreibtisch, bei denen hochwertige Kraftfahrzeuge über das Internet zum Verkauf zu einem „Schnäppchenpreis“ angeboten wurden. Häufig werden als plausible Begründung für den eigentlich zu geringen Preis private, sehr persönliche Schicksale angeführt, die den Interessenten zum Käufer werden lassen, obwohl das vermeintliche „Schmuckstück“ noch im Ausland steht.

Im Nachhinein kommen dann auf den Käufer angebliche Überführungs-, Zoll- oder anders lautende Einfuhrgebühren zu, die im Vorwege zu zahlen sind. Dabei wird dann beispielsweise eine Zahlungsvariante mittels „Western Union“ oder „Moneybookers“ gewählt, das Geld wird also mit Bezahldiensten ins Ausland transferiert. Im Anschluss daran sind weder Verkäufer noch das angeblich erworbene Fahrzeug auffindbar.

Auch im Bereich des scharf kontrollierten Online-Banking gibt es trotz eigentlich sicherer Verfahren immer wieder Strafanzeigen wegen unberechtigter Abbuchungen. Hier fallen in letzter Zeit die „Phishing“-Taten besonders ins Gewicht, wissen Vogel und Deneke zu berichten.

Dabei wird Schadsoftware, meist sogenannte „Trojaner“, auf dem Personalcomputer des Geschädigten installiert, die dann entweder die Tastatureingaben abfängt und an den Täter übermittelt oder den Geschädigten auf eine fingierte Internetseite führt, „die der seiner Bank bis aufs i-Tüpfelchen gleicht“, warnt Deneke.

Wenn der Geschädigte dann seine PIN (Geheimzahl) und eine TAN (Transaktionsnummer) für eine Überweisung eingibt, dann werden diese Daten abgefangen, der Überweisungsbetrag und das Empfängerkonto geändert. Die Zahlung geht also auf das Konto der Betrüger.

Das Geld landet dann meist auf einem Konto eines Mittelsmannes (Finanz-Agent), der zuvor ebenfalls mit einer fingierten Geschichte geworben wurde und davon ausgeht, dass er für „ordentliche Geschäfte“ sein Konto zur Verfügung stellt. Dessen Aufgabe ist es, das Geld möglichst direkt nach Gutschrift abzuheben und mittels eine Bezahldienstes ins Ausland zu transferieren. Diese Beträge sind in den meisten Fällen für immer verloren.

Wer glaubt, dass die Internetgeneration, also jene, die mit dem Massenmedium groß geworden sind, vor Betrügereien gefeit ist, der irrt. Das belegt dieser Fall aus Uelzen: So wurde vor kurzem ein Jugendlicher auf einer „Freundschafts-Internetseite“ von einem vermeintlich jungen Mädchen seines Alters angeschrieben. Ein virtueller Flirt über mehrere Tage führte dann zu einem Vertrauensverhältnis.

Das Mädchen auf der anderen Seite der Leitung klagte schon kurze Zeit später über finanzielle Schwierigkeiten, da sie angeblich „Paysafecodes“ ihrer Mutter, ohne deren Wissen, benutzt habe.

Dem Jugendlichen war der Begriff „Paysafecode“ offensichtlich kein Begriff, was das Mädchen im Flirt-Chat sehr schnell heraus bekam. Der Jugendliche wurde daher animiert, eine bestimmte Telefonnummer anzurufen, bei der Paysafecodes generiert werden. Nach weit über einhundert Anrufen, die natürlich kostenpflichtig waren, wurden Paysafecodes generiert und durch den Jugendlichen an die „Freundin“ übermittelt.

Das Mädchen war danach auf der entsprechenden Internetseite nicht mehr auffindbar und die ihr übermittelten Pay-safecodes wurden kurze Zeit später bei unterschiedlichen Internethändlern eingelöst.

Und da das Internet kein lokales, sondern globales, weltumspannendes Netzwerk ist, war es nicht verwunderlich, das im Rahmen der Ermittlungen die Spur zum Täter in ein anderes Bundesland führte. „Es hätte genau so gut ins Ausland gehen können“, wissen Vogel und Deneke.

Von Michael Koch

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