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Ab ins Gefängnis – trotz Bewährung:
31-Jähriger Marokkaner sitzt in der JVA Uelzen

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Von: Norman Reuter

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H. schlägt 2017 in Bad Bevensen mehrere Seitenscheiben von Autos ein, stiehlt dabei unter anderem ein Navigationsgerät.
H. schlägt 2017 in Bad Bevensen mehrere Seitenscheiben von Autos ein, stiehlt dabei unter anderem ein Navigationsgerät. © SYMBOLFOTO: DPA

In einer Kneipe hat er einem Gast das Handy gestohlen, er brach Autos auf und trat bei einer Zimmerdurchsuchung einen Polizisten. Ein 31-Jähriger mit marokkanischer Herkunft ist dafür nun vor dem Uelzener Amtsgericht zu einem Jahr und zwei Monate auf Bewährung verurteilt worden. Doch die nächste Zeit wird H. im Gefängnis zubringen.

Uelzen – Er räumt die Taten ein, was der Richter ihm zugutehält. Reiner Thomsen: „Es war vernünftig, ein Geständnis abzulegen. Es hat sich stark strafmildernd ausgewirkt“. Ein 31-Jähriger mit marokkanischer Herkunft wird so im Uelzener Amtsgericht wegen aufgebrochener Autos, Diebstahls, Widerstands gegen Amtsträger und Körperverletzung zu einer Strafe von einem Jahr und zwei Monaten auf Bewährung verurteilt.

Der Urteilsspruch fällt fünf Jahre nach den Taten, die im Frühjahr und Sommer 2017 begangen wurden. Grund dafür, dass sie erst jetzt vor Gericht aufgearbeitet werden, ist der Tatsache geschuldet, dass H. als Täter zwischenzeitlich Deutschland verlassen hatte und nach eigenen Angaben in Frankreich lebte.

H. stammt ursprünglich aus Marokko. 2015 verließ er sein Heimatland, weil er dort „viele Probleme“ gehabt habe, wie er gegenüber dem Gericht erklärt. Nach seiner Einreise in Deutschland wird er immer wieder straffällig, noch 2015 verurteilt ihn laut Bundeszentralregister ein Berliner Amtsgericht wegen gemeinschaftlichen Diebstahls.

2017 lebt er in einer Asylunterkunft im Landkreis Uelzen. Mitte Juni des Jahres schlägt er Autoscheiben von drei Wagen in Bad Bevensen ein, stiehlt in einem Fall ein Navigationsgerät. Als die Polizei sein Zimmer in der Unterkunft durchsucht, wird sie fündig. H. zeigt sich dabei laut Anklageschrift aggressiv, zerreißt das Hemd eines Polizisten, tritt auch zu, sodass dieser Prellungen davonträgt.

In einer Uelzener Kneipe tanzt er einen Gast an, nimmt dabei dessen Smartphone an sich. Als der Diebstahl auffällt, stellen dieser und andere Gäste H. vor der Kneipe. Dieser gibt das Gerät zurück. Außerdem stiehlt der 31-Jährige Waren in einem Discounter. Die Taten werden vom Uelzener Amtsgericht in einem Verfahren behandelt.

H.s Verteidigerin Wiebke Schröder gibt für ihren Mandaten eine Erklärung ab: Er räume die Taten im Wesentlichen ein, sagt sie. Schröder verweist aber auf einen Alkohol- und Tablettenkonsum ihres Mandaten im Tatzeitraum: „Ich will mal so sagen: Er stand neben sich.“ Richter Reiner Thomsen leitet daraus noch keine Schuldunfähigkeit ab, und ein Gutachten fünf Jahre nach der Taten sei nicht mehr sinnhaft.

Der große Zeitraum zwischen den Tatzeitpunkten und der Aufarbeitung vor Gericht ist immer wieder Thema. Zwei Polizisten werden gehört, einer von ihnen befindet sich bereits in Ruhestand. Dieser kann sich an die Vorgänge nicht mehr erinnern. Der andere, zur Zimmerdurchsuchung gerufen, weiß noch, dass H. ihn mehrfach anspuckte. „Widerlich ist das“, sagt der Polizist.

Mit dem Urteil von einem Jahr und zwei Monaten auf Bewährung folgt Richter Thomsen dem Antrag der Oberstaatsanwältin, den auch die Verteidigerin als angemessen ansieht. Der Richter berücksichtigt neben dem Geständnis auch den Umstand, dass das Diebesgut zurückgegeben werden konnte, H. bisher noch keine Freiheitsstrafe erhalten, aber schon Zeit im Gefängnis zugebracht habe. Denn nach seiner Rückkehr nach Deutschland in diesem Jahr klickten die Handschellen.

Zwischen 2015 und 2017 wird der heute 31-Jährige insgesamt neun Mal zu Geldstrafen verurteilt, immer wieder wegen Diebstahls, aber auch wegen Körperverletzungen. Darauf geht Reiner Thomsen auch in seiner Urteilsbegründung ein: „In der Zeit haben Sie eine Vielzahl von Straftaten begangen. Es ist nicht Sinn der Sache, nach Deutschland zu kommen und hier nur Straftaten zu begehen.“ Weil H. keine der Geldstrafen bezahlt, muss er sie nun absitzen.

So verlässt H. das Amtsgericht auch nicht als freier Mann, was ihn wundert, weil er doch eine Bewährung erhalten habe. Der Richter erklärt dem 31-Jährigen, dass er mindestens bis Mai kommenden Jahres in der JVA zuzubringen habe, bis die Ersatzfreiheitsstrafen abgegolten seien. Und selbst wenn er das Geld für die Strafen jetzt aufbringen sollte, besteht noch ein Haftbefehl gegen ihn. Bei der Staatsanwaltschaft läuft derzeit noch ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen H. – nach AZ-Informationen wegen eines Raubdeliktes.

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