Sind wir noch Volkskirche?

16,55 Prozent Wahlbeteiligung bei der Kirchenvorstandswahl in meiner evangelisch-lutherischen St. Johannis-Gemeinde am vergangenen Sonntag. Das war mehr als bei der letzten Wahl und für eine städtische Gemeinde vergleichsweise nicht schlecht.

Und dennoch habe ich einzeln die etwas enttäuschte Frage gehört: Sind wir überhaupt noch Volkskirche?.

Wenn wir alleine auf die Zahlen schauen, gewiss nicht mehr, und ebenfalls nicht, was die Prägekraft in unserer Gesellschaft angeht. Daran ändert auch nichts, dass wir am gleichen Tag mit Joachim Gauck einen evangelischen Pastor zum Bundespräsidenten gewählt haben. In seinem Reden und Denken höre ich unverkennbar protestantisches Reden und Denken, aber ich würde trotzdem nicht behaupten, er wurde gewählt, weil er Pastor ist.

Und doch besteht für mich kein Zweifel daran, dass wir Volkskirche sind. Denn mit diesem Wort ist mehr gemeint, als die Zahlen; es ist die Haltung, mit der wir als Kirche in der Welt leben: Nicht als autoritäre Einheitskirche, sondern als Kirche der Vielheit. Wir erlauben uns, über die Wahrheit zu streiten und manchen Glaubenspunkt unterschiedlich zu sehen, wir teilen Glauben nicht in richtig oder falsch und ziehen die Grenzen nicht hoch.

Für mich ist Volkskirche damit ein Qualitätsbegriff, auf den ich stolz bin, und diese Qualität der zugewandten und offenen Kirche zu bewahren, ist mir wichtig und des Kämpfens wert. Die reinen Zahlen folgen häufig anderen Trends, die ich demgegenüber nicht wirklich beeinflussen kann.

Von Pastor Ulrich Hillmer

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