Schade!

Da gab’s mal eine TV-Reklame, in der ein Mann seinem Jugendfreund nach elend langer Zeit wiederbegegnet und sich nun profiliert, indem er Photos auf den Tisch knallt: Mein Stadthaus, mein Ferienhaus, meine Yacht, meine Frau, mein neuer Wagen….

Solche Typen sind nicht die sympathischsten Zeitgenossen. Einen sympathischen traf ich aber jetzt wieder – einen Jugendfreund. Dessen Bilder wollte ich begierig sehen, weil ich ihn zuletzt auf seiner Hochzeit gesehen hatte mit einem der schönsten Mädchen der Stadt, hinter dem wir alle her waren. Er machte das Rennen bzw. kriegte sie, weil er ihre Liebe zu griechischen Landschildkröten teilte. Oder jedenfalls so tat.

Jetzt war er da und zeigte die Photos auf seinem – natürlich, klar, ein bißchen Angeber war er immer schon, auch das mit dem Schildkröten-Interesse hatte er ja nur angegeben – er zeigte also die Bilder auf einem supermodernen Tablet-PC, dem teuersten und neuesten. Er fuhr schon als Schüler immer das neueste Gebrauchtmoped. Es war wie in der Reklame: Mein Haus, meine Harley Davidson, unsere kleine Finka in Spanien für den Sommer…

Eigentlich wartete ich nur auf das Bild jenes wunderschönen jungen Mädchens von der alten PH Lüneburg. 42 Jahre war das jetzt her…

Dann kam es, das Bild. „Das ist meine Frau und mein Sohn Theodor!“ Er sah meinen irritierten Blick und fügte kaltlächelnd hinzu: „Meine dritte Frau…“

Natürlich, dritte Ehe, typisch bindungsunfähig und dann wieder so ein junges Weib. Wie lange sowas nur hält! Baby und er kurz vor 65! Ich sah nur den Pferdeschwanz der dunkelblonden jungen Mutter, das sommerliche T-Shirt und die Jeanshosen die tolle Figur betonend und das kleine Gör vor ihr, dem sie gerade einen Löffel Karrottenbrei reinschiebt.

„Aha,“ sage ich enttäuscht. Er hatte mir ein Wiedersehen mit der Schönen von damals entzogen durch dieses Lotterleben. Ja ja, damals war er mir überwiegend sympathisch, aber jetzt, dritte Ehe und Tablet-PC und Harley Davidson. „Schade,“ sagte ich, „sie war was Besonderes, deine erste Frau.“ Gleichzeitig beschloß ich, ihn durch Kontaktabbruch zu bestrafen für eine vermutlich schlechte Behandlung dieses wunderbaren Mädchens von damals.

Dann grinst er in mein vorwurfsvolles Gesicht hinein. „Wußte ich doch, daß du auch in meine Frau verliebt warst! Sie ist es doch nach wie vor, sie hat nur hellere Haare als damals und das Kind – ist unser erstes Enkelkind.“ Ich beschloß, den Kontakt zu ihm doch aufrecht zu erhalten. Schon wegen des Wiedersehens mit seiner Frau.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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