1. az-online.de
  2. Uelzen

Russin aus Uelzen hilft Ukrainern: Lidia Ratt „will ein Zeichen setzen“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Lars Becker

Kommentare

Lidia Ratt (links) aus Uelzen hat fünf Ukrainer in Sicherheit gebracht.
Lidia Ratt (links) aus Uelzen hat fünf Ukrainer in Sicherheit gebracht. © Privat

Die Welle der Solidarität im Landkreis Uelzen für die Ukraine ist überwältigend. Während sich immer wieder Menschen mit Bussen, Transportern, Lkw oder Autos auf den Weg an die polnisch-ukrainische Grenze machen, um dringend benötigte Dinge abzugeben und Schutzsuchende mit nach Deutschland zu nehmen, steht die Frage im Raum, wann dem Landkreis Uelzen offiziell Menschen aus der Ukraine zugewiesen werden.

Uelzen/Landkreis – Bislang, so Kreissprecher Martin Theine, gibt es weiterhin keinen Auftrag zur Unterbringung von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine seitens des Landes Niedersachsen. Eine Erklärung dürfte sein, dass mit Stand von Sonntag (24 Uhr) erst 811 ukrainische Staatsangehörige in der Landesaufnahmebehörde (LAB) Niedersachsen untergebracht worden sind. Die Mehrzahl der Menschen ist demnach in Deutschland privat bei Verwandten oder Freunden untergekommen oder aber in Nachbarländern wie Polen oder der Slowakei geblieben, stellte Innenminister Boris Pistorius klar.

„Durch die Landesaufnahmebehörde Niedersachsen werden den Kommunen neben Asylsuchenden auch ukrainische Staatsangehörige zugewiesen. Wie viele Personen das sein werden, ist abhängig von der Zahl an Schutzsuchenden, die in Niedersachsen ankommen werden“, verweist Hannah Hintze, Stabsstellenleiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der LAB, auf die prozentuale Verteilung über den „Königsteiner Schlüssel“ auf alle Bundesländer. Dieser richtet sich nach Steuereinnahmen und Bevölkerungszahlen.

Keine Landeseinrichtung im Kreis geplant

Hintze ergänzt: „Es ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht geplant, im Landkreis Uelzen eine Landeseinrichtung in Betrieb zu nehmen, auch nicht auf dem ehemaligen Gelände des Bundesgrenzschutzes. Ziel ist es, die Vertriebenen aus der Ukraine schnellstmöglich auf die Kommunen zu verteilen, da sie aufgrund ihres Status nicht zu einer Wohnsitznahme in einer Aufnahmeeinrichtung verpflichtet sind.“

Rosa Legatis, Pressesprecherin des Innenministeriums, betonte gegenüber der AZ, „dass angesichts der aktuell hochdynamischen Lage eine Vielzahl möglicher Entwicklungen betrachtet wird und entsprechende Vorbereitungen für die Aufnahme von n Ukrainern getroffen werden.“ Über die Anzahl von Kriegsflüchtlingen, die tatsächlich nach Niedersachsen kämen, könne keine seriöse Aussage gemacht werden.

1500 Plätze in der Landesaufnahmebehörde

Die Landesaufnahmebehörde verfügt über bis zu 1500 freie Plätze. Ein Krisenstab, dem auch Katastrophenschutz sowie Vertreter der Kommunen angehören, stehe in ständigem Kontakt zum Innenministerium, das eng mit den Behörden im Bund kommuniziere. Innenminister Boris Pistorius hatte zuletzt betont, dass das Land zwar grundsätzlich Ausschau nach zusätzlichen Liegenschaften und Kapazitätserweiterungen halte. Im Vergleich zur Flüchtlingswelle 2015/2016 seien die Dimensionen jedoch geringer.

Die AZ stellt nachfolgend gleich vier verschiedene Hilfsinitiativen aus dem Landkreis Uelzen vor

Ukraine-Hilfe aus Uelzen I: Lidia Ratt

„Ich bin russische Staatsbürgerin – und will ein Zeichen setzen: Auch wir sind gegen den Krieg. Ich habe Kontakte nach Russland und weiß: Die Menschen dort wollen das nicht, werden enorm unter Druck gesetzt und leiden.“ Das sagt Lidia Ratt. Die 31-Jährige lebt seit fast 20 Jahren in der Hansestadt. Sie hat mehrere Tage lang Spenden gesammelt.

Eigentlich wollte die gelernte Altenpflegerin nur mit ihrem Auto fahren – und ist dann am Freitagnachmittag im Konvoi mit vier Transportern in die Grenzregion aufgebrochen. Auf dem Rückweg hat sie zusammen mit Helfern fünf Ukrainer zu Verwandten in die Nähe von Berlin und nach Bayern gebracht. „Ich bin überglücklich, dass wir Menschen gerettet haben und dass unsere Spenden über Kontakte direkt in die Ukraine gebracht worden sind.“

Alles begann mit einer Kleinanzeige im Internet

Die dreifache Mutter hat seit Kriegsbeginn selbst keine Diskriminierung erfahren, weder in Uelzen, noch am Wochenende in Polen – obwohl sie Russin ist. „Was das alles mit mir macht? Das kann ich noch nicht sagen. Vielleicht kommt das, wenn ich etwas Ruhe habe. Es hinterlässt aber sicher etwas“, ahnt Lidia Ratt, deren Hilfsaktion über eine Kleinanzeige im Internet begann.

„Ich wollte dabei sein und direkt helfen. Unglaublich viele Leute, aber auch Unternehmen haben sich bei mir gemeldet. Sie haben Geld, Benzin, Lebensmittel und allein Medikamente im Wert von bestimmt 5000 Euro gespendet. Mitarbeiter des Helios Klinikums haben uns rund 800 Euro übergeben, die sie gesammelt haben. Am ersten Tag auf dem Hammersteinplatz war mein Auto schon voll, das war auch danach ein richtiger Ansturm – eine unglaubliche Hilfsbereitschaft, ich war davon völlig überrascht“, sagt die Uelzenerin.

Eine weitere Lieferung auf die Beine stellen

Drei Stunden lang konnte sie mit ihren Mitstreitern in einem provisorischen Flüchtlingslager schlafen. Dort übergab sie den Verantwortlichen Hygieneartikel, Lebensmittel und Medikamente, aber auch Decken. Den Rest konnte sie am Sonnabend über einen Kontaktmann bis kurz vor die Grenze fahren.

Als alle Fahrzeuge leer waren, ging es zu einem Bahnhof, wo sie ein Schild in die Hand nahm, das Ukrainer für sie geschrieben hatten. „Wir wollten ja Leute mitnehmen, viele hatten aber unglaubliche Angst. Zum Glück haben uns ein 18-jähriges Mädchen und eine Familie vertraut. Die haben wir direkt bis vor die Tür ihrer Angehörigen gebracht“, erzählt Lidia Ratt. „Ich bin zwar froh, dass ich jetzt zuhause bin, ich will aber noch mal los. Ich erwarte Bilder und Videos, die zeigen, wie unsere Spenden von der Brigade 80 der ukrainischen Luftwaffe übergeben werden – wenn dieses Vertrauensverhältnis wächst, wollen wir eine neue Lieferung auf die Beine stellen.“

Bis dahin, so hofft die junge Frau, die bei Jekaterinburg aufwuchs, ist dann auch die Hilfe in Stadt und Landkreis Uelzen so organisiert, dass sie Menschen direkt hierher mitnehmen kann.

Ukraine-Hilfe aus Uelzen II: Alexander und Stefan Thieme mit Florian Lücke

Innerhalb weniger Tage haben auch die Brüder Alexander und Stefan Thieme gemeinsam mit Florian Lücke und weiteren Mitstreitern nicht nur sechs Tonnen Hilfsgüter, sondern auch Busse für rund 400 Flüchtlinge aus der Ukraine organisiert. Inzwischen ist dieses Hilfsteam ebenfalls von der polnisch-ukrainischen Grenze zurück. „Es ist Wahnsinn, wie viele Bürger und Unternehmen aus Uelzen und der Region unserem Aufruf gefolgt sind“, sagt Stefan Thieme, dessen Frau aus der Ukraine stammt. Ein großer Dank gelte Busunternehmer Stefan Irro aus Lüchow, der unbürokratisch Busse und Fahrer organisiert hatte.

Innerhalb eines Tages verwandelte sich das Autohaus Thieme in eine Anlaufstelle für Hilfsgüter. Lebensmittel, Kleidung, Spielsachen, Medikamente, Desinfektionsmittel und Schlafsäcke wurde gespendet. Viele Ehrenamtliche packten an, um die Spenden zu sortieren, auf Deutsch und Ukrainisch zu beschriften und zu verladen.

Kontakt zum Verein „Freie Ukraine Braunschweig“ hergestellt

Vor einer Woche machte sich der Konvoi auf den Weg zum Grenzübergang nahe Przemysl im Osten Polens. Mit an Bord waren auch die Uelzener Sven Hentschel, Gerit Gadau und Desmond Leon sowie eine ukrainische Übersetzerin und der Rapper Massiv. Dieser hatte sich spontan bereit erklärt, die Hilfsaktion zu unterstützen und über seine Social-Media-Kanäle an Millionen User auszuspielen.

Große Unterstützung kam aus dem Innenministerium, das den Kontakt zum Verein Freie Ukraine Braunschweig herstelle, berichtet Alexander Thieme. „Der deutsch-ukrainische Partnerschaftsverein war uns ein super Support bei der logistischen Planung und Einordnung, wo die Hilfsgüter bestmöglich eingesetzt werden.“

„Diese Stille – auch später in den Bussen – war erschreckend“

Was die Helfer aus Uelzen erlebten, beschreibt Florian Lücke so: „Insbesondere junge Mütter mit ihren Kindern suchen einen sicheren Ort. Was beeindruckend war, ist, wie ruhig und konzentriert die Kinder sind. Sie spüren genau, dass dies eine besondere Situation ist. In den Augen der Mütter spiegelt sich die Angst und große Sorge um die Ehemänner und Väter. Diese Stille – auch später in den Bussen auf dem Weg zurück nach Deutschland – war erschreckend.“

Die Brüder Alexander und Stefan Thieme haben gemeinsam mit Florian Lücke und vielen weiteren Mitstreitern nicht nur sechs Tonnen Hilfsgüter organisiert, sondern auch Busse für rund 400 Flüchtlinge aus der Ukraine.
Die Brüder Alexander und Stefan Thieme haben gemeinsam mit Florian Lücke und vielen weiteren Mitstreitern nicht nur sechs Tonnen Hilfsgüter organisiert, sondern auch Busse für rund 400 Flüchtlinge aus der Ukraine. © Privat

Auch für Stefan Thieme war es ein sehr emotionales Erlebnis: „Das Leid ist unvorstellbar und die Verzweiflung riesig.“ Gleichzeitig sei es überwältigend zu sehen, wie viel Hilfe geleistet werde. An der Grenze wurden die Hilfsgüter an Hilfsorganisationen übergeben.

Spenden mit dem Verwendungszweck „Uelzen hilft“

Auf dem Weg in die Heimat wurden Flüchtlinge beispielsweise nach Dresden, Berlin, Hamburg und in die niedersächsische Erstaufnahmestelle gebracht. Desmond Leon sagt: „Unser großer Dank gilt allen, die uns unterstützt haben und weiter unterstützen.“ Jetzt gelte es, in Abstimmung mit dem Braunschweiger Verein und dem Innenministerium die Hilfe zu kanalisieren, sagt Sven Henschel. „Krieg ist Chaos – umso wichtiger, dass wir in diesem Chaos koordiniert vorgehen.“

Der Verein Freie Ukraine Braunschweig e.V. hat bei der Braunschweigischen Landeskasse ein Spendenkonto eingerichtet. Unter dem Verwendungszweck „Uelzen hilft“ kann jeder den Menschen in der Ukraine helfen. IBAN: DE08 2505 0000 0152 0513 30 / BIC: NOLADE2HXXX.

Ukraine-Hilfe aus Bad Bodenteich: Christoph Hennig

Eine Hilfsaktion für die Ukraine möchte auch der Bad Bodenteicher Christoph Hennig starten. Er will geflüchtete Menschen von überfüllten Plätzen abholen und zu privaten Unterkünften fahren. Aktuell würde sich laut Hennig zum Beispiel die Abholung vom Hauptbahnhof in Berlin anbieten. Sollte sich die Situation dort beruhigen, würde er auch bis zur polnisch-ukrainischen Grenze weiterfahren, erklärt er der AZ.

Er sei enttäuscht, dass die vom Land bereitgestellten Flüchtlingsunterkünfte privat bislang nicht angefahren werden dürfen, sagt der Bad Bodenteicher. Ihm sei mitgeteilt worden, dass noch entschieden werden müsse, welche Bundesländer überhaupt Flüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen sollen. Doch so lange wolle er nicht warten. „Die Menschen brauchen die Hilfe jetzt“, betont Hennig.

Er hofft, Adressen im Landkreis Uelzen zu bekommen, wo hilfsbedürftige Menschen aus der Ukraine aufgenommen werden können. Wer sich mit Hennig in Verbindung setzen und seine Hilfsaktion unterstützen möchte, kann sich bei ihm unter christophmx@web.de oder (0 58 24) 9 85 98 01 melden.

Ukraine-Hilfe aus Bevensen-Ebstorf: „Freunde helfen“

Die Gruppen CDU/FDP, SPD/Die Linke, UWG/FBAAE/W.I.R. sowie die Fraktion Bündnis90/Die Grünen im Samtgemeinderat Bevensen-Ebstorf haben ihrerseits am Sonntag den Dringlichkeitsantrag gestellt, 100.000 Euro für unmittelbare Maßnahmen der Flüchtlingshilfe als Nachtragshaushalt zu beschließen.

Kameraden der Feuerwehr Bad Bevensen sind gestern nach Frankfurt/Oder aufgebrochen, um übermüdete Fahrer abzulösen, die Flüchtlinge auch ins Heidehotel der Kurstadt bringen. In der Mitte sitzt Sandra Theiding aus Altenmedingen. Sie ist Mitglied des Samtgemeinderates Bevensen-Ebstorf (W.I.R.) und eine der führenden Organisatoren, die mit großem Einsatz wirken.
Kameraden der Feuerwehr Bad Bevensen sind gestern nach Frankfurt/Oder aufgebrochen, um übermüdete Fahrer abzulösen, die Flüchtlinge auch ins Heidehotel der Kurstadt bringen. In der Mitte sitzt Sandra Theiding aus Altenmedingen. Sie ist Mitglied des Samtgemeinderates Bevensen-Ebstorf (W.I.R.) und eine der führenden Organisatoren, die mit großem Einsatz wirken. © Privat

„Auf dem Gebiet der Samtgemeinde Bevensen-Ebstorf sind bereits Hilfsmaßnahmen angelaufen. Hilfsgüter werden in die Ukraine gefahren. Auf dem Rückweg werden ganze Familien in Sicherheit gebracht. Diese Maßnahmen – vom Transport bis zur Unterbringung – möchten wir gern nach Kräften unterstützen“, schreiben die Politiker Andreas Czerwinski (CDU), Corina Großmann (SPD), Heiko Senking (UWG) und Annette Niemann (Bündnis 90/Die Grünen) stellvertretend in der Begründung des Antrags. Bis übergeordnete finanzielle Hilfe stehe, wolle man in der Lage sein, den Menschen schnell und unbürokratisch zu helfen: „Wir möchten als Samtgemeinde selbst unmittelbar handlungsfähig sein.“

Private Hilfen bleiben weiterhin sinnvoll

Eine Gruppe bringt unter dem Motto „Freunde helfen“ Hilfsgüter an die Grenze zur Ukraine und evakuiert auf dem Rückweg Geflüchtete – teils bis Dresden oder Berlin, teils aber auch in die Samtgemeinde selbst. „Dieses Engagement, das sich aktuell im Wesentlichen aus privaten Spenden finanziert, möchten wir als Rat der Samtgemeinde gern unterstützen. Wohlwissend, dass auch kreisseitig und darüber hinaus Maßnahmen getroffen und Strukturen aufgebaut werden, war es uns wichtig, hier als Samtgemeinde überdies schnell und unkompliziert helfen zu können. Die Leute da rauszuholen und den Transport zu organisieren, das ist jetzt wichtig“, sagt Czerwinski. Private Spenden seien weiterhin sinnvoll und kämen gezielt an. Menschen, die spenden möchten, können sich an ihn unter (01 70) 9 03 14 71 wenden.

Am Montag machten sich Kameraden der Feuerwehr Bad Bevensen in einem Konvoi aus fünf Fahrzeugen aus der Samtgemeinde auf in Richtung Frankfurt/Oder, um völlig erschöpfte Fahrer abzulösen, die Geflüchtete jeden Alters sowie schwer Betreuungsbedürftige an Bord haben. Diese Menschen werden zum Teil im Heidehotel in Bad Bevensen aufgenommen.

Auch interessant

Kommentare