NABU spricht von Vergrämungsaktion im Stöckener Wasserspeicher – und hat Landwirte im Verdacht

Schüsse auf Kranich-Schlafplatz

+
Seit einigen Wochen wird der Wasserspeicher bei Stöcken von Kranichen als Schlafplatz genutzt. Bis zu 200 dieser Tiere übernachten dort täglich. Doch wiederholt wurden jetzt Schüsse abgegeben. Der NABU vermutet, dass die Kraniche vertrieben werden sollen.

Stöcken. Jenen Abend Mitte Juni wird Mirko Kandolf, zweiter Vorsitzender der NABU-Kreisgruppe Uelzen, so schnell nicht vergessen. Er stand gerade am Speicherbecken bei Stöcken und beobachtete mit dem Teleobjektiv die Kraniche im Wasser.

Bis zu 200 dieser Tiere übernachten seit einigen Wochen täglich in dem Becken, weil sie dort sicher vor Feinden sind. Plötzlich hörte Kandolf drei Schüsse vom gegenüberliegenden Ufer. „Der Schall kam über das Becken richtig auf mich zu. Da kriegt man schon Angst“, berichtet er der AZ.

Eine Kugel, so Kandolfs Wahrnehmung, sei nur wenige Meter von ihm entfernt am Rand des Beckens eingeschlagen. Daraufhin sei er mit seinem Auto um den Wasserspeicher herumgefahren und habe schließlich einen Landwirt, der zugleich Jäger ist, mit Gewehr entdeckt. Und das sei kein Einzelfall gewesen: An vier Abenden seit Mitte Juni habe er Schüsse am Wasserspeicher gehört, erzählt Kandolf. Bei den letzten drei Vorfällen seien die Verursacher aber unerkannt geblieben.

Für den NABU-Kreisvorsitzenden Karl-Heinz Köhler liegt die Vermutung nahe: „Es ist versucht worden, mit Schüssen aus Jagdgewehren die Kraniche zu vergrämen und ihren Schlafplatz aufzulösen.“ Denn die Tiere fressen neben Insekten und kleinen Wirbeltieren auch Getreide von den Feldern – zum Ärger der Landwirte.

Köhler hat für die Schüsse keinerlei Verständnis. „Ich bin total sauer, das ist ein Unding“, schimpft er. Es sei gesetzlich verboten, Wildtiere unnötig zu beunruhigen. Zum Glück seien die Kraniche nicht getroffen worden und hätten auch sonst keine sichtbaren Schäden davongetragen, schildert Kandolf: „Sie sind nach den Schüssen einmal aufgeflogen, haben eine Runde gedreht und sind wieder im Wasser gelandet.“

Der NABU hat den mutmaßlichen Schützen von Mitte Juni dem Umweltamt des Landkreises und Kreisjägermeister Heinrich Hellbrügge gemeldet. Der Landkreis werde gegen den Mann rechtlich aber nicht vorgehen, teilt Kreissprecher Martin Theine mit. „Wir haben den NABU informiert, dass der Vorfall bei der Polizei angezeigt werden muss, weil es sich um eine Straftat handelt.“ Anzeige will Köhler aber bewusst nicht erstatten, um die Situation nicht eskalieren zu lassen. Stattdessen setzt er auf die Einsicht der Menschen und bittet um Hinweise unter Telefon (0 58 26) 95 06 28, falls weitere Schüsse fallen sollten.

Unterdessen bestreitet der Kreisjägermeister, dass der besagte Landwirt auf die Kraniche geschossen hat. „Ich habe mit ihm gesprochen. Er hat mir versichert, dass er nur einen Probeschuss auf einen Karton abgegeben hat“, sagt Hellbrügge und spricht von Zielübungen. Auf keinen Fall habe der Mann mit der Absicht geschossen, die Tiere zu vertreiben. Hellbrügge kann aber verstehen, dass die Kraniche einigen Landwirten ein Dorn im Auge sind. Vor allem im Frühjahr verursachten die Tiere Fraßschäden, erklärt er.

Von Bernd Schossadowski

Lesen Sie am Wochenende mehr dazu im E-Paper und in der Printausgabe der AZ.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare