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Durchtrennte Bremsschläuche: Richterin verurteilt Täter-Duo zu Haftstrafen

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Von: Theresa Brand

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Prozess gegen einen 22-Jährigen und eine 20-Jährige vor dem Landgericht Lüneburg
Im Prozess gegen einen 22-Jährigen und eine 20-Jährige vor dem Landgericht Lüneburg ist gestern das Urteil gefallen. Beide Angeklagten (2. von links und rechts) erhalten Haftstrafen ohne Bewährung. © Theresa Brand

Drei Jahre und sechs Monate Haft für den Angeklagten, zwei Jahre Haft für seine Komplizin – so lautet gestern das Urteil im Prozess gegen zwei junge Leute aus der Samtgemeinde Aue, die sich vor dem Landgericht Lüneburg wegen versuchten Mordes verantworten mussten.

Lüder/Lüneburg – Die Tat war 2021 in Lüder verübt worden (AZ berichtete). „Der 21. Juli war ein Tag, an dem das Leben des Opfers, aber auch des Angeklagten erheblich verändert wurden“, betont gestern die Richterin. An diesem Tag soll der 22-Jährige zunächst die Bremsschläuche an einem Auto durchtrennt haben, das vermeintlich dem Stiefvater der 20-jährigen Angeklagten gehörte. Die junge Frau habe sich an diesem rächen wollen und deshalb ihren Freund zu der Tat überredet. „Der Geschädigte sollte einen Unfall erleiden – der Angeklagte nahm einen solchen Unfall billigend in Kauf“, sagt die Richterin. Doch es kam anders als geplant.

Das Opfer bemerkte den Manipulationsversuch und lief dem flüchtenden Täter hinterher. Als er ihn an der Kapuze zu fassen bekam, zog der 22-Jährige ihm ein Messer quer durchs Gesicht. „Alle sitzen hier etwas fassungslos – wie konnte es sein, dass es zu dieser Tat kam?“, fragt der Oberstaatsanwalt in seinem Plädoyer. Denn der Angeklagte habe das Opfer nicht einmal gekannt.

„Klar ist: Er war die Person, die die Schläuche durchgeschnitten hat. Er war die Person, die das Messer hatte. An der Täterschaft besteht kein Zweifel“, fährt der Oberstaatsanwalt fort. Kamera-Aufnahmen belegen die Tat, zudem hat der 22-Jährige diese eingeräumt.

Es bestehe jedoch auch kein Zweifel, dass die beiden Angeklagten die Tat gemeinsam geplant hätten. Man solle aber berücksichtigen, dass der Schnitt mit dem Messer wahrscheinlich ungeplant gewesen sei. „Er hat nicht geplant, das Opfer zu entstellen, aber er hat es in Kauf genommen“, erklärt der Oberstaatsanwalt.

Der 22-Jährige ist während des Plädoyers sichtlich mitgenommen. Immer wieder vergräbt er das Gesicht in den Händen, versucht Tränen zu unterdrücken. Ein völliger Gegensatz zu der 20-Jährigen: Sie verzieht weder gestern noch an einem der anderen Prozesstage auch nur eine Miene. Das sieht auch die Richterin und betont mehrfach, wie kalt die Angeklagte auf sie wirke.

Die Forderung der Anklage lautet schließlich fünf Jahre Haft für den 22-Jährigen, ein Jahr und sechs Monate Haft für die 20-Jährige. Der Angeklagte habe die Tat gestanden und sich während des Prozesses beim Opfer entschuldigt. Auch Schmerzensgeld habe er von sich aus angeboten. Zudem sei bei ihm mangelnde Reife festzustellen. „Anders ist nicht zu erklären, wie er sich zu so einer Tat hat überreden lassen“, sagt der Oberstaatsanwalt.

Anders lautet der Antrag der Verteidigung. „Ich erinnere daran: Wir dürfen erst mal nicht alles glauben, was wir hören“, sagt einer der Verteidiger. Sein Mandant habe nicht bemerkt, dass er das Opfer derart verletzt habe: „Er wollte nur einen Pkw beschädigen. Es ging nicht darum, eine Konfrontation zu suchen oder den Geschädigten zu verletzen.“ Dennoch habe der 22-Jährige die Verantwortung für seine Tat übernommen, dazu komme eine gute Sozialprognose. Die Verteidigung beantragt zwei Jahre Haft auf Bewährung.

Der Anwalt der 20-Jährigen fordert für sie einen Freispruch. Es habe sich bei dem Schnitt um eine „bedauerliche Verletzung“ gehandelt. Hinzu komme: „Mitgefangen gleich mitgehangen kann hier nicht gelten.“

Beide Freiheitsstrafen sind nicht zur Bewährung ausgesetzt und wurden nach dem Jugendstrafrecht verhängt. Noch ist das Urteil aber nicht rechtskräftig.

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